„Bei jedem Wasserkraftwerk ist Atommeiler inbegriffen“
Von Catharina Oblasser
Lienz – Die Tiroler Wasserkraftwerke liefern im Winter so wenig Strom, dass sie zum Ausgleich Kohle- oder Atomstrom benötigen. Das sagt Christoph Walder, Kampagnenleiter des WWF (World Wildlife Fund). „Zu jedem Wasserkraftwerk, das man neu baut, muss man sich den entsprechenden Atommeiler oder den rauchenden Schlot eines Kohlekraftwerks gleich dazudenken.“
Dass die Wasserkraft so sauber sei, ist laut Walder nur einer von vielen Glaubenssätzen, die immer wieder verbreitet werden. Diese Mythen, sieben an der Zahl, will der WWF zusammen mit dem Lienzer Umweltschützer Wolfgang Retter und dem Netzwerk Wasser Osttirol entzaubern. Auf großen Schautafeln werden die gängigsten Klischees angeführt und mit Hilfe von wissenschaftlichen Fakten zurechtgerückt.
Ein Beispiel: Dass kleine Wasserkraftwerke weniger Schäden verursachten als große, stimmt nicht, heißt es auf der Schautafel. Kleine haben auf Ökosysteme die gleichen negativen Auswirkungen wie große Anlagen, sagt der WWF. Außerdem zerstören sie laut einer Studie der Uni für Bodenkultur für die gleiche Energieausbeute bis zu acht Mal so viel Flussnatur wie große. Auch als wirksamer Hochwasserschutz sind Kraftwerke nicht zu brauchen, obwohl das oft behauptet wird – im Gegenteil.
Dass die Ausstellung neben den Stationen in den Landeshauptstädten auch in Lienz Halt macht, hat seinen besonderen Grund, erklären Walder und Retter. Osttirol befinde sich zurzeit ganz besonders im Fokus der Energiekonzerne, so die Umweltschützer. Das zeigen Projekte, die zum Teil bereits umgesetzt werden: am Kalserbach, an der Isel in Virgen und Prägraten oder am Tauernbach in Matrei. Laut Retter sind diese Vorhaben nicht zielführend, sondern zerstörerisch. „Solche Kraftwerke stehen im Winter monatelang still, weil die Bäche zu wenig Wasser haben“, sagt der studierte Biologe. „Im Jahresschnitt produziert Osttirol schon jetzt mehr Strom, als wir verbrauchen.“ Es sei unfair, die Gemeinden als Türöffner für die Tiwag zu verwenden, spielt er auf das Projekt im Virgental an.
Ein weiterer Bau von Kraftwerken würde auch den Nationalparkgedanken ad absurdum führen, meint Christoph Walder. „Dabei geht es nicht nur um den Bezirk. Der Nationalpark ist eine internationale Marke, die durch solche Bestrebungen der Energiewirtschaft völlig unglaubwürdig wird.“
Die Ausstellung „Mythen der Wasserkraft“ startete in Bregenz, machte gestern Station in Lienz und ist am Montag, den 2. Mai, am Marktplatz in Innsbruck zu sehen. Mehr Informationen finden sich im Internet unter www.fluessevollerleben.at.



