Das Wörgler Meisterstück
Das Wörgler Freigeld
In den 1930er-Jahren führte der wirtschaftliche Niedergang dazu, dass immer weniger Geld in Umlauf war. Absatzmärkte brachen ein, Produktions-Stillstand und Arbeitslosigkeit waren die Folge. Doch die Gemeinde Wörgl führte 1932 und 1933 Bauprogramme durch. Die Arbeiter wurden mit Arbeitswertscheinen entlohnt, kauften in Wörgler Geschäften ein, diese lieferten ihre Steuern – meist sogar Rückstände – an die Gemeinde ab. Für neue Baumaßnahmen standen wieder Mittel zur Verfügung, das Geld zirkulierte wieder.
Von Michaela Spirk-Paulmichl
Wörgl – „Lindert die Not, gibt Arbeit und Brot“: Es waren keine leeren Worte, die 1933 auf den Arbeitswertscheinen zu lesen waren. Etwas länger als ein Jahr trotzte die 1933 wirtschaftlich völlig darniederliegende Gemeinde Wörgl mit dem „Wörgler Freigeld“ erfolgreich der weltweiten Krise. Und noch mehr: Sie setzte ein Zeichen, das bis heute Anerkennung und Nachahmer findet. Es ist möglich, Wörgl ist der Beweis dafür. Komplementär-Währungen – also zusätzliche Verrechnungsmittel ergänzend zu den bestehenden – können funktionieren.
Ein Fernsehteam aus Japan, ein Reporter von Radio Berlin, eine Studentin aus Colorado in den USA – viele nehmen eine weite Reise auf sich, um sich in der Gemeinde mit den 12.600 Einwohnern über das erfolgreiche Modell zu informieren, das nach 13 Monaten frühzeitig von der Nationalbank gestoppt wurde. Die Bürgermeister von 170 anderen österreichischen Gemeinden hatten bereits Interesse bekundet, Freigeld ohne Zinsen nach dem Wörgler Vorbild einzuführen.
Auch die Tochter des damaligen Wörgler Bürgermeisters Michael Unterguggenberger bekommt immer noch Besuch: Die heute 85-jährige, in Graz lebende Lia Rigler-Unterguggenberger war sechs Jahre alt, als ihr Vater mit seiner Freiwirtschaftsgruppe das Nothilfe-Programm ins Leben rief – „ein politisches Meisterstück“, wie es hieß. Schon damals reisten viele Leute nach Tirol, um sich über das Experiment zu informieren. „Alle wollten wissen, was da in Wörgl, in dem ,kleinen Nest‘, vor sich ging.“ Die Krise sei nicht von Gott gemacht, sagt Lia Rigler-Unterguggenberger. „Sie ist keine Strafe Gottes, sondern wurde von Menschen verursacht. Und die Menschen können auch etwas daran ändern.“
Der gleichen Meinung ist Veronika Spielbichler, Obfrau des Vereins Unterguggenberger-Institut in Wörgl. Sie zieht Parallelen zu den heutigen Problemen – auch wenn im Jahr 1933 Deflation herrschte und heute Inflation. „Die systemischen Ursachen sind die gleichen, damals wie heute.“ Doch dass es keine Alternativen gebe, wie immer wieder behauptet werde, sei nicht wahr. Allerdings sei den massiven Problemen mit herkömmlichen Mitteln nicht beizukommen. „Um den aktuellen Wirtschaftskrieg zu beenden – denn darin befinden wir uns –, muss zuerst das monopolistische, noch aus Zeiten der Feudalherrschaft stammende Geldsystem demokratisiert werden.“ Die Deregulierung des Finanzmarktes habe die Situation schließlich völlig aus dem Ruder laufen lassen.
„Das Geld regiert die Menschen, dabei sollte es eigentlich umgekehrt sein“, sagt Spielbichler. „Die Finanzmärkte plündern Staatseigentum, enteignen Gemeinschaftsgüter und ermöglichen die Bereicherung weniger auf Kosten von uns allen und der Natur.“ Es sei die Chance der Krise, dass sich die Menschen Gedanken machen – „und nicht einfach die Reset-Taste drücken und eine Fehlentwicklung von Neuem starten“.



