Einsatz für den Anwalt des Wildes
Von Angela Dähling
Hinterriß – Es ist klirrende Minus 23 Grad kalt und dämmert noch, als sich Robert Prem an diesem Montag im Februar mit seinem Geländewagen auf den Weg zur Arbeit macht. Um 7.15 Uhr beginnt heute der Dienst für den Revieroberjäger. Die letzten Kilometer zur ersten Fütterungsstelle im Dortal muss er zu Fuß gehen. Der Schnee knirscht auf dem 45-minütigen Fußmarsch unter seinen Stiefeln. Robert Prem kennt hier jeden Baum und so gut wie jedes Reh, das sich irgendwo im Wald versteckt hält und auf Futter wartet. Der Berufsjäger ist sechs Tage pro Woche in seinem 3000 Hektar großen Revier namens Rontal in der Hinterriß im Einsatz. Und das seit 1995.
Zuvor startete seine Karriere mit einer dreijährigen Ausbildung zum Berufsjäger. Er gehört damit zu den 130 Berufsjägern, die in Tirol im Einsatz sind. Vor zwanzig Jahren gab es fast doppelt so viele. Denn da entschieden sich auch Pächter kleinerer Jagden, einen Professionisten einzustellen, obwohl das erst ab einer Reviergröße von 2000 Hektar Vorschrift ist. Das sei heute laut Auskunft des Tiroler Jägerverbandes aus Kostengründen kaum mehr der Fall. Stattdessen würden mittlerweile 1400 Jagdaufseher tirolweit diese Aufgabe in ihrer Freizeit erledigen.
„Ich sehe mich als Anwalt des Wildes“, sagt Robert Prem. „Auch wenn manche behaupten, Berufsjäger sind Wildvermehrer. Aber ohne uns wird nachhaltiger Landschaftsschutz kaum möglich sein“, ist Prem überzeugt. An der Fütterungsstelle angekommen, füllt Prem die Tröge mit Futter auf. Rehen ist mit Heu nicht gedient, da ihr Magen nur zwanzig Prozent der Zellulose aufschlüsseln kann. Der Experte weiß, worauf es ankommt. „Man muss die Tiere attraktiv füttern, sonst ist ihnen der Verbiss an Bäumen lieber“, sagt er. 80 Prozent Rankfutter (Heu) und 20 Prozent Maissillage ist die Mischung, die sich das Rotwild in Prems Revier schmecken lässt. Wenn der Waidmann dabei über die Landesgrenze nach Bayern schaut und an die dortigen Diskussionen über das Einstellen von Wildfütterungen denkt, stellt es ihm die Haare auf. „Wenn die Tiere nicht mehr gefüttert werden, sorgt man dafür, dass das Wild durch Verbiss Schaden produziert, um damit die Erhöhung der Abschussquote rechtfertigen zu können“, erklärt Robert Prem. Was ihn ärgert, ist, dass es keine Ursachenforschung gebe, sondern immer nur die Abschussquote erhöht werde.
Neben der täglichen professionellen Fütterung ist zudem der Standort der Fütterung entscheidend. Er muss geschützt liegen. „Das Wild muss die Fütterung besuchen können, wenn es Hunger hat und nicht nur nachts, weil zwischen dem Einstand und der Fütterung zum Beispiel eine Forststraße und eine Loipe liegen“, zeigt Prem Missstände auf, die bei Kleinjagden mitunter vorkämen. Dieser so genannte Warteraumeffekt würde die Tiere nachtaktiver machen. Etwas, das es zu vermeiden gelte. Und zwar auch durch eine intelligente Jagd. „Wir kennen unser Wild, wir lassen Hirsche alt werden und haben eine gesunde Altersstruktur. Wenn ich‘s nicht schieße, schießt der Nachbar – diese Gier gibt es bei uns nicht“, sagt der Revieroberjäger, während er sich auf den Weg zur zweiten Rehfütterungsstelle macht. Sie liegt rund 3,5 Kilometer entfernt. Bei seinen Fußmärschen durch die Natur hat er viel Zeit zum Nachdenken. Man müsse es schaffen, dass sich die Jagd- und die Forstwirtschaft wieder auf Augenhöhe begegnen, dass eine Symbiose entsteht. „Die Gewinnmaximierung bringt langfristig nur Probleme“, glaubt Prem. In der Hinterriß verlaufe die Zusammenarbeit mit dem Oberförster bestens. Gemeinsam habe man beispielsweise Wildwiesen mit Klee geschaffen, wo das Wild im Sommer grast, um so erfolgreich dem Verbiss entgegenzuwirken.
Für sein Reh- und Rotwild kann Prem im Winter sorgen. Nicht so für das Gamswild, da dessen Revier hoch oben am Berg liegt. „Beim Gamswild werden wir Riesenausfälle haben, wenn der Winter so weitergeht“, fürchtet Prem, der auch Landesreferent für Gamswild ist. „In den Niederungen ersticken die Gämsen im Schnee. Am Berggrat, wo der Wind den Schnee verweht, haben sie mehr Überlebenschancen“, schildert Prem, der einen Ausfall von zwanzig bis dreißig Prozent beim Gamswild befürchtet. Grund genug, Tourengeher um mehr Rücksicht zu bitten. „Gamswild bewegt sich im Winter kaum, um Energie zu sparen. Eine unnötige Flucht und der damit verbundene Energieverbrauch kann seinen Tod bedeuten“, betont der Anwalt des Wildes, um sich dann auf den Weg zu seiner dritten und letzten Fütterungsstelle zu machen.



