Auch das Land ließ Wäsche von Zöglingen waschen
St. Martin
Vorwürfe. Im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in Heimen steht auch das ehemalige Landeserziehungsheim für Mädchen St. Martin in Schwaz seit Jahren im Mittelpunkt. Ehemalige Zöglinge berichten von Gewalt und sexuellem Missbrauch.
Zwangsarbeit. Nach dem Bekanntwerden von unfreiwilliger Arbeit von Zöglingen für namhafte heimische Unternehmen hat das Land Tirol unter Führung von Soziallandesrat Gerhard Reheis eine eigene Einsatzgruppe unter dem Titel „Arbeit in Tiroler Heimen“ ins Leben gerufen. Derzeit werden historische Dokumente und Aufzeichnungen gesichtet.
Von Peter Nindler
Innsbruck – Dass die Mädchen im Landeserziehungsheim Schwaz St. Martin als Leiharbeiterinnen für Firmen wie Swarovski, Eglo oder Darbo arbeiten mussten und andererseits in der Lohnwäscherei des Heimes eingesetzt wurden, sorgt seit Wochen für Aufregung. Denn für diese Zwangsarbeit haben sie kaum bzw. gar kein Geld gesehen, erklären heute ehemalige Heim-Insassinnen. Soziallandesrat Gerhard Reheis (SP) hat eine Expertengruppe installiert, die die Vorwürfe derzeit prüft und allenfalls sozialversicherungsrechtliche Fragen wie Pensionsansprüche klären soll. Schließlich geht es um Versicherungsmonate.
Zumindest war dem Land Tirol bereits seit 1977 bekannt, dass ein Teil der Mädchen zu Arbeitsleistungen herangezogen wurde. Ein der Tiroler Tageszeitung vorliegender Bericht des Landeskontrollamts aus dem Jahr 1977 dokumentiert penibel die Vorgänge im Landeserziehungsheim Schwaz. Im Mittelpunkt steht dabei die Lohnwäscherei, die 1963 eingerichtet wurde, „um eine regelmäßige Beschäftigung und volle arbeitsmäßige Auslastung der Zöglinge zu erzielen“, wie es in dem Prüfbericht heißt. Die Arbeit in der Wäscherei wurde damals als arbeitstherapeutische Maßnahme bezeichnet.
Rund 100 Mädchen waren in den 1970er-Jahren im Erziehungsheim untergebracht, bei ihrem Eintritt legte die Heimführung ein so genanntes Zöglingskonto an. Zwischen 13 und 28 Mädchen arbeiteten von 1970 bis 1976 in der Wäscherei, 1970 wurden rund 66.409 Kilogramm Wäsche gewaschen. Die Zöglinge mussten auch Kleidungsstücke ausbessern.
Der Anteil der Fremdwäsche betrug 59.306 kg, das Heim nahm dazu Aufträge von Firmen, regionalen Institutionen, aber auch von Landesorganisationen an: Als Auftraggeber scheinen u. a. Kompanien und Dienststellen des Bundesheers auf, die Landesberufsschule für Optiker, die Landesgebäudeverwaltung, das Landessportheim, das Tiroler Hilfswerk, die Tyrolia-Werke, der Sportklub Schwaz, das Volkshaus Schwaz, Gasthöfe und das Krankenhaus Schwaz.
10,6 Schilling (77 Cent) pro Kilogramm hat das Heim für das Waschen verlangt. Die in der Wäscherei und Büglerei tätigen Mädchen, so führt es das Landeskontrollamt an, erhielten davon pro Tag 150 Schilling (10,90 €) und „zusätzlich eine Arbeitsbelohnung nach einem Punktesystem“ – maximal 30 Schilling (2,20 €). Das Anwesenheitsgeld und ein Drittel der Belohnung sollten dem Zöglingskonto gutgeschrieben worden sein, der Rest wurde als Taschengeld ausgezahlt. Mit insgesamt 97.237 Schilling (7066 €) müsste die Heimführung die Mädchen im Jahr 1976 entlohnt haben, die Erlöse aus den gewerblichen Tätigkeiten betrugen damals 28.700 Euro.
Wie viel von dem auf den Zöglingskonten gutgeschriebenen Geld die Jugendlichen tatsächlich erhalten haben, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Eines steht jedoch fest, und das hat das Kontrollamt bereit 1977 gerügt: Lediglich die Konten von 56 der 113 Mädchen, die im Prüfzeitraum das Heim verlassen haben, wurden aufgelöst und das Geld den Mädchen übergeben. Fehlende Adressen wurden von der Führung u. a. als Begründung angegeben. Detail am Rande: Die Konten aller Zöglinge im Landeserziehungsheim Schwaz wiesen 1976 ein Guthaben von 127.000 Euro auf.



