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„Österreich hat die meisten Bestimmungen umgesetzt“

Videoüberwachung und Personenkontrollen: Österreich hat bereits hohe Sicherheitsbestimmungen in den Fußballstadien, sagt die Bundesliga.

Immer weitere, immer strengere Sicherheitsvorkehrungen: Werden Stadien zu Hochsicherheitstrakten?

Alex Schwärzler, Beauftragter für Sicherheit in der Bundesliga: Die Klubs verpflichten sich in einem gemeinsam beschlossenen Stadionanforderungskatalog zu einem Mindestlevel betreffend Infrastruktur in den Bundesligastadien. Darin werden auch Sicherheitsaspekte geregelt, deren Einhaltung von Seiten der Bundesliga überprüft und eingefordert wird. Eine Weiterentwicklung des Stadionanforderungskatalogs wird stets mit Involvierung aller Klubvertreter und Experten angestrebt. Im Zusammenhang mit den einschlägigen Vorschriften der BL-Sicherheitsrichtlinien ist das formulierte Ziel, bei Fußballveranstaltungen im Rahmen der Bewerbe der Österreichischen Fußball-Bundesliga (BL) bestmöglichen Schutz der Zuschauer zu gewährleisten. Hochsicherheitstrakte sind weder das formulierte Ziel des Stadionanforderungskatalogs noch jenes der Sicherheitsrichtlinien.

Gibt es keine Alternative zu noch mehr Sicherheit, wie z.B. Fanarbeit, Präventionsarbeit?

Schwärzler: Die BL hat großes Interesse daran, dass die Klubs individuell an ihre Stadionbesucher angepasste Fanprojekte durchführen. Diese werden – wie beispielsweise beim FC Wacker Innsbruck oder früher bei FK Austria Wien – gemeinsam mit der öffentlichen Hand und dem betreffenden Klub finanziell unterstützt. Die von Ihnen genannte sozialpräventive Fanarbeit wird selbstverständlich „groß geschrieben“. Obwohl hier keine kurzfristigen Erfolge eingefordert werden können, sind bereits deutlich positive Tendenzen beim Fanverhalten zu erkennen.

Armin Weber von der Fanarbeit des FC Wacker Innsbruck ist der Meinung, dass mehr Vorschriften nur Aggressionen schüren. Sehen Sie das auch so?

Schwärzler: Die Verbindung zwischen „Vorschriften“ und individuellem oder gruppendynamischem Verhalten von Stadionbesuchern ist komplexer, als dass sie in einer einfach formulierten Hypothese dargestellt werden kann. Beispielsweise kann eine Vorschrift zur Freihaltung von Fluchtwegen freiheitsstiftend und daher aggressionshemmend auf Stadionbesucher wirken. Vorschriften, die jedoch in die Privatsphäre des Einzelnen eingreifen, sind selbstverständlich unter Berücksichtigung etwaiger Aggressionspotenziale mit Experten zu diskutieren.

Was sagen Sie zu den einzelnen Vorschlägen, die in Frankfurt vom Ligaverband nun diskutiert wurden: Ganzkörperkontrollen, Videoüberwachung, etc.?

Schwärzler: Einige der Anträge wurden sehr kontrovers diskutiert. Manche sind jedoch für alle Beteiligten nachvollziehbar, weswegen einige dieser Maßnahmen bereits in den BL-Bestimmungen etabliert sind (wie z.B. die verpflichtende Anwesenheit von Auswärtsordnern, Schulung der Ordner, verbindlicher Dialog zwischen Fans und Klub, spezielle Vorschriften für Risikospiele und effiziente Durchführung von Einlasskontrollen). Ganzkörperkontrollen sind nach den BL-Vorschriften nicht vorgesehen. Erlaubt sind das Durchsuchen der Kleidung bzw. aller Behältnisse und das Abtasten des Körpers mit Ausnahme der Genitalien. Bei Eingriffen in den höchst persönlichen Lebensbereich ist immer die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Ausnahmslose Personenkontrollen betrifft entsprechend der BL-Ordnerrichtlinien vorrangig die sogenannten „Fansektoren“. Beim Eintritt in die übrigen Sektoren sind stichprobenartige Kontrollen möglich. Die Videoüberwachung ist in der obersten Spielklasse ein zwingendes Kriterium im Stadionanforderungskatalog, was mittlerweile für viele Stadionbesucher nachvollziehbar erscheint. Die Aufzeichnung von Bildmaterial wird auch an anderen öffentlichen Orten mit einem vergleichbaren Zuschauerandrang durchgeführt.

Droht wirklich auch das Aus des Fanschals, wie es heißt?

Schwärzler: Diese Frage ist deutlich zu verneinen und im Übrigen auch in Deutschland nicht intendiert. Die in Deutschland beschlossenen Anträge sprechen von „Gegenständen, die dazu bestimmt sind, die Feststellung der Identität einer Person zu verhindern“. In den Begründungen dazu wird deutlich zum Ausdruck gebracht, dass hiermit Sturmhauben, Skimasken uä gemeint sind. Auch in den Vorschriften der BL werden Sturmhauben als verbotene Gegenstände gelistet. Von einem Aus von Fanschals oder sonstiger Fanutensilien kann weder in Deutschland noch in Österreich gesprochen werden – schließlich profitiert der Fußball von der Fankultur und der Stimmung im Stadion.

Darf und kann es in Zukunft noch Ausnahmen geben, was die Benützung von bengalischem Feuer (wie beim FC Wacker) betrifft?

Schwärzler: Der Einsatz von Pyrotechnik ist in Österreich im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen verboten. Dennoch kann gemäß Pyrotechnikgesetz eine Ausnahmebewilligung von der Behörde erteilt werden, wenn gewisse Auflagen (wie beispielsweise die Einhaltung eines Sicherheitsabstandes, vorhandene Löschmöglichkeiten, etc.) erfüllt werden. Die BL-Sicherheitsrichtlinien entsprechen dieser gesetzlichen Normierung. Andere europäische Verbände und Ligen informieren sich regelmäßig über die bestehenden Ausnahmeregelungen in Österreich auf Grund der nachweislich rückläufigen Anzeigen- und Verletztenzahlen.

Wo sehen Sie als Österreichische Fußball-Bundesliga noch Änderungsbedarf?

Schwärzler: Grundsätzlich müssen wir den internationalen Vergleich hinsichtlich Sicherheit im und in unmittelbarer Nähe zum Fußballstadion nicht scheuen. Dennoch gibt es natürlich Verbesserungsbedarf. Diverse Maßnahmen sind seit längerer Zeit schriftlich formuliert und an die entsprechenden Stellen kommuniziert worden. In Zukunft werden wir noch proaktiver auf alle Beteiligten zugehen, um eine Fortentwicklung im Sinne des österreichischen Fußballs und auch im Sinne der Stadionbesucher insbesondere durch für jeden Klub/jedes Stadion individuell abgestimmte Konzepte voranzutreiben.

Befürchten Sie, dass es in Zukunft noch häufiger Geisterspiele geben wird? und werden die Vereine bei Verstößen ihrer Fans noch kräftiger zur Kasse gebeten werden?

Schwärzler: Grundsätzlich ist ein Szenario ohne Strafen erstrebenswert. Strafen, insbesondere finanzielle Strafen und Geisterspiele, sind die letzte Sanktionsmöglichkeit, um einen funktionierenden und sich weiterentwickelnden Bewerb gewährleisten zu können. Wenn sie dennoch notwendig sind, entscheiden unabhängige Gremien, deren Mitglieder von den Klubs gewählt werden.

Das Interview führte Brigitte Warenski