Hüter der gedehnten Zeit
Von Sabine Strobl
Inzing Hof – Im Sommer kann man von der Bank aus die Ausflügler beobachten, im Winter den Briefträger und ein paar Tourengeher. Der Wanner Bauer saß oft auf der Bank vor seinem uralten Hof. „Heinz hat mit den vorbeikommenden Leuten gerne geredet“, erinnert sich Johannes Gastl. Der junge Mann hat dem alten Bauern versprochen, den Hof weiterzuführen. Heinz Wanner hatte selbst keine Kinder. Im April vergangenen Jahres ist er 83-jährig bald nach den Filmarbeiten über seinen Hof gestorben. 400 Jahre war das Schmuckstück im Besitz seiner Familie. Jetzt soll der Hof für eine andere Familie zum Lebensmittelpunkt werden.
Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Hof 1447. Er ist auch das Geburtshaus von Jörg Kölderer (1465/1470–1540), der in die Geschichtsbücher als Hofmaler und Hofbaumeister von Kaiser Maximilian I. eingegangen ist. Wie Christine Gastl, Mutter von Johannes, erzählt, diente das Haus vermutlich im 13. Jahrhundert als Versorgungshof für Schloss Hörtenberg in Pfaffenhofen. 1626 ließ sich die Familie Wanner, aus Augsburg während des Glaubenskrieges vertrieben, im Weiler Hof nieder. Ein Wandbild über die Flucht der Heiligen Familie aus Ägypten erinnert an die Flucht der Familie Wanner. So will es jedenfalls die Legende. „Über die Familie Wanner und das Haus kann man noch viel herausfinden“, erklärt Christine Gastl. Sie zeigt auf einige Rötelmalereien aus Napoleons Zeiten. Sie wurden beim Zurückschneiden der Marillenbäume entdeckt.
Wenn Freunde und Bekannte auf den alten Bauern Heinz Wanner angesprochen werden, dann erzählen sie zuerst von seinem „anderen Zeitgefühl“. Josef Gastl, der Vater von Johannes, fügt hinzu: „Solche Leute wie Heinz gibt es nicht mehr. Er hatte andere Werte“. Das Heu, das Vieh, die Erdäpfel, das Holz. Was will man mehr im Leben, als mit eigenen Händen Lebensmittel erzeugen? Vielleicht hat der alte Heinz bezüglich Wert- und Zeitgefühl in dem jungen Johannes Gastl einen Seelenverwandten gefunden. Für letzteren ist die Bauernschaft eine Möglichkeit, um aus dem „schnellen Alltag“ herauszutreten. „Hier geben Natur und Wetter den Lebensrhythmus vor“, lacht er. Die Bauernschaft ist also der Ausgleich zur „normalen“ Arbeit als Schlosser. „Heinz war für mich eine Respektperson. Er hat mir viele alte Techniken gezeigt.“ Johannes hebt einen neuen Zapin auf, der für die Holzarbeiten im Wald so wichtig ist. Er hat das Werkzeug unter Heinz‘ Anleitung angefertigt. Die alte Brotmühle und den Holzofen möchte die Familie wieder in Betrieb nehmen. 40 Laibe Brot haben darin Platz. Auch die Stangger für die Heumandln sollen auf der steilen Hoarling-Wiese nicht verschwinden. Bewahren wäre aber zu wenig. Altes soll sich mit Neuem verbinden. Beim Stall, der ans Wohnhaus angrenzt, „müssen wir uns etwas einfallen lassen. Ich will nicht, dass eine Kuh in die Küche spaziert“, scherzt Johannes. Heute wisse man, dass sich Kühe bei 4 Grad durchaus noch wohl fühlen. Ihre künftige Unterkunft soll dies berücksichtigen und mehr Auslauf bieten.
Die Familie ist jetzt mit dem Denkmalamt in Kontakt, denn die Renovierung verspricht genügend Herausforderungen. Die schwingenden Bretter auf dem Weg zur Werkstatt sind da wohl nur eine Kleinigkeit. Doch die Gastls haben Zeit. Mit der Übernahme des Hofes ist ein Grundstein gelegt, auf dem Generationen aufbauen können.
Vor ein paar Wochen hat der Regisseur Benedikt Kuby seinen Film über Heinz Wanner und Johannes Gastl fertig gestellt. „Der Bauer bleibst du“ heißt das filmische Porträt, in dem auch ein Kapitel Tiroler Kulturgeschichte festgehalten ist.
Auf dem Bankl neben der Tür sitzt es sich noch lange gut.







