10.08.2010
Innsbruck

Fünfeinhalb Jahre Haft für weinenden Kinderschänder

Unter Tränen gestand ein 28-jähriger Oberländer, seit Jahren Volksschüler sexuell missbraucht zu haben. Als Bub sei er selbst zum Opfer geworden.

Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Angst, Reue, Tränen, Scham: Begleitet von zwei Justizwachebeamten betrat am Montag um 8.30.Uhr ein unscheinbarer Oberländer das Innsbrucker Landesgericht. Mit den Unterarmen vorm Gesicht wollte sich der 28-Jährige vor den Kameraobjektiven schützen. „In allen Anklagepunkten schuldig“, gestand der Mann schon beim Auftakt des Prozesses mit weinerlicher Stimme.

Schwerer sexueller Missbrauch von zwei Buben im Alter von acht bzw. zehn Jahren: so lautete der Hauptvorwurf von Staatanwältin Erika Wander. Die Anklägerin listete vier weitere Opfer auf, an denen der Oberländer sexuelle Handlungen vorgenommen hatte: „In zwei zusätzlichen Fällen blieb‘s beim Versuch.“

Die Staatsanwältin sprach von zahlreichen weiteren Buben, die in Schwimmbädern, Einkaufszentren und Supermärkten Opfer des Oberländers wurden, aber nicht ausgeforscht werden konnten. „Eine erste Hochrechnung des Angeklagten ergab 200 Missbrauchsfälle“, so Wander. Auch wenn die Zahl zu hoch sein dürfte, „müssen wir von vielen Opfern ausgehen“.

Aufgeflogen ist der 28-Jährige am 3. November 2009 in einem Innsbrucker Einkaufszentrum. Der einschlägig vorbestrafte Arbeitslose lockte nacheinander zwei Buben, ca. zehn und sieben Jahre alt, in eine WC-Kabine und missbrauchte die Kinder. Zwei Verkäuferinnen schöpften Verdacht und riefen den Sicherheitsdienst. Wenig später war auch die Polizei vor Ort – Festnahme.

Eine Verkäuferin erinnerte sich, dass der Angeklagte bereits Mitte Oktober zwei etwa fünfjährige Brüder in die Toilette locken wollte. Als die Frauen den Oberländer zur Rede stellte, zeigte er sich empört – „ich bin doch kein Kinderschänder“.

Als 13-Jähriger sei er selbst Opfer eines Pädophilen geworden, sorgte der Angeklagte im Gerichtssaal für eine Überraschung: Ein Mann habe ihn in seinem Heimatort in eine Disko gelockt und dort missbraucht. „Ich habe dieses Erlebnis jahrelang verdrängt.“

Er habe gewusst, dass seine Neigung „nicht normal“ sei: „Ich wusste aber nicht, an wen ich mich wenden kann“, beschrieb der Adoptivsohn einer Oberländer Familie seinen inneren Konflikt.

Die psychiatrische Sachverständige Karin Kramer-Reinstadler beschrieb den 28-Jährigen als zurechnungsfähig, es sei weder eine Persönlichkeitsstörung noch eine psychische Störung feststellbar.

Durch sein umfassendes Geständnis ersparte der Oberländer seinen Opfern belastende Zeugenaussagen. Für das Schöffengericht ein Milderungsgrund. Die einschlägige Vorstrafe wirkte hingegen erschwerend.

Fünfeinhalb Jahre Haft lautete das nicht rechtskräftige Urteil.

Der Angeklagte erbat sich Bedenkzeit.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 10.08.2010
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