21.08.2011
Innsbruck

Missbrauch: Im Internet pirscht sich der Täter an

Von Matthias Christler

Innsbruck – In sozialen Netzwerken hat der Mensch sein Schamgefühl verloren. Auf Twitter schreibt jeder offen, wie er sich fühlt. Auf Facebook zeigen schon Kinder ihre Fotos vom Urlaub. Freizügig, ohne sich dabei etwas zu denken. Mit Hintergedanken nutzen das Pädophile aus. Auf diese Bedrohung hat die Arbeitsgemeinschaft Missbrauch (Jugendwohlfahrt, Jugendanwaltschaft, Kinderschutz, Staatsanwaltschaft und Sicherheitsdirektion) bei ihrem Bericht zu den Missbrauchsfällen 2009/2010 hingewiesen.

Obwohl der Großteil der gemeldeten Fälle wegen sexuellen Missbrauchs im familiären Bereich passiert, lauert im Internet die neue Gefahr. Kinder- und Jugendanwältin Elisabeth Harasser wird damit immer öfter konfrontiert: „Junge Mädchen fragen bei unserer Stelle nach, wie sich verhalten sollen, wenn sie jemanden treffen, den sie im Internet kennen gelernt haben. Das ist wirklich ein großes Problem“, sagt Harasser. Denn die Mädchen würden in den Chatrooms und auf ihren Profilen viel zu viel von sich preisgeben: Adressen von daheim, E-Mail-Adressen, Telefonnummer und Fotos.

Die Kinder stellen sich dabei selbst oft besser dar. Paradox sei aber, meint Harasser, dass sie trotzdem in Bezug auf Fremde so gutgläubig seien. „Das Netz ist leider ein Tummelplatz, wo manche sich Kinder und Jugendliche als Opfer suchen“, macht sich Harasser Sorgen.

Sexuelle Belästigung, die im Internet beginnt, wird „Cyber-Grooming“ genannt. Edelbert Kohler von der Sicherheitsdirektion Tirol beschreibt, wie dabei vorgegangen wird: „Über Facebook, Twitter und in Chats werden Kinder angesprochen und dann zu einem Treffen bewegt“, sagt Kohler. Der Fremde nimmt dabei meist eine falsche Identität an, lauert dem Opfer im Internet auf, baut Vertrauen auf und bewegt es dann zu einem persönlichen Treffen. Dort wird der sexuellen Übergriff versucht.

Genau um so etwas zu unterbinden, wurde im Juli ein eigener Paragraph im Strafgesetz verankert. Die „Anbahnung von Sexualkontakten zu Unmündigen“ wird jetzt mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren bestraft.

An Schulen versuchen Lehrer bereits, die Kinder im Umgang mit Facebook und Co. zu schulen. Harasser appelliert zudem an die Eltern: „Sie schauen nicht, was vom eigenen Kind alles online ist und mit wem es Kontakt hat“, sagt die Kinder- und Jugendanwältin.

Das sei ein Generationsproblem, weil die Eltern nicht mit den sozialen Netzwerken aufgewachsen sind, erklärt Harasser: „In der nächsten Generation wird sich das ändern, weil diese Eltern dann besser wissen, wie man mit dem Internet umgeht.“

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 21.08.2011
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