Das versteckte Tagebuch
Der sensible Aktivist
„Aufmachen, Polizei!“ Mit diesen Worten endete das alte Leben des politisch aktiven Künstlers Chris Moser, seiner Frau und seiner drei Kinder. In dem Buch „Die Kunst, Widerstand zu leisten – wie mit § 278a und im Tierschutzprozess Freiheit untergraben und Kunst zum Verbrechen wurde“ verarbeitet er seine Eindrücke, Ängste und Gefühle während Hausdurchsuchung, Haft und anschließendem Prozess.
Grundlage für das Buch sind das Gefängnistagebuch, Bilder, Zeichnungen und Mitschriften vom Prozess. Es soll die Frage beantworten, wie der 34-Jährige angeblich zu „einem der Hauptakteure der militanten Tierrechtsszene in Österreich“ (Zitat Polizeibericht) wurde und wie ein sensibler und politisch denkender Künstler und Familienvater den Gefängnisalltag und 14 Monate Prozess überlebt.
Das Buch über „Kunst, Widerstand, Repression und Solidarität“ erscheint im Frühjahr im Kyrene-Verlag.
Von Michaela Spirk-Paulmichl
Niederau, Wien – Hausdurchsuchung, Verhaftung, Gefängnis, Anklagebank, Freispruch: Zwischen dem 21. Mai 2008 und dem 2. Mai 2011 lagen drei Jahre, die die Welt des Tiroler Tierschützers und Künstlers Chris Moser erschütterten. Um das Erlebte besser verarbeiten zu können, begann er während dieser Zeit Tagebuch zu schreiben. Auf rund 200 Seiten schildert Moser seine Gefühle, als während der Hausdurchsuchung in dem alten Hof in Niederau die Handschellen klickten. Seine Verzweiflung, als seine Frau und Kinder bei seiner Verhaftung zu weinen begannen, und später, in der Zelle, seine – trügerische – Hoffnung, bald wieder auf freiem Fuß zu sein. Wie neun andere Tierschützer verbrachte er insgesamt drei Monate im Gefängnis, der darauffolgende Prozess schrieb Justizgeschichte.
Inzwischen hat Chris Moser seine Tätigkeit als Kampagnenleiter beim Verein gegen Tierfabriken wieder aufgenommen, er nimmt an Protestaktionen teil, hält viel besuchte Vorträge und hat bei den Ausgrabungen auf dem Gelände des ehemaligen Friedhofs der Psychiatrischen Klinik in Hall Arbeit gefunden. Außerdem arbeitet er an einem Buch, das auf seinen Tagebucheintragungen basiert. Aus Angst, sie könnten ihm weggenommen werden, hatte er sie während der Haft unter seinem Bett, in Büchern oder Zeitschriften versteckt. Während der drei Monate im Gefängnis und der 14 Monate im Schwurgerichtssaal in Wiener Neustadt entstanden außerdem viele Zeichnungen und Skizzen. Moser wollte die Geschehnisse künstlerisch umsetzen.
Während des Prozesses wurde er von Richterin Sonja Arleth einmal gefragt: „Haben Sie in Ihrer Kunst Ihre Gedanken und Ihre Gesinnung zum Ausdruck gebracht?“ Fragen wie diese würden die zutiefst politische Dimension dieses gesamten Verfahrens deutlich machen, meint Chris Moser. „In Österreich sollte man wegen Taten verurteilt werden, nicht für seine Gesinnung oder Gedanken.“ Von den vorgeworfenen Sachbeschädigungen konnte keine einzige nachgewiesen werden.
Für Verleger Martin Kolozs (Kyrene) war es wichtig, Menschen wie Chris Moser ein Forum zu geben. „Hier geht es nicht um Effekthascherei. „Chris Moser ist ein sehr selbstreflektierter Mensch, der nicht den Wunsch hegt, abzurechnen, sondern seine Sicht der Dinge schildern will, die er selbst erst verarbeiten muss.“ Das Buch „Die Kunst, Widerstand zu leisten – wie mit Paragraph 278a und im Tierschutzprozess Freiheit untergraben und Kunst zum Verbrechen wurde“ erscheint im Frühjahr.
Bereits im Herbst wird die Filmdokumentation „Der Prozess“ von Gerald Igor Hauzenberger in den heimischen Kinos zu sehen sein. Der österreichische Regisseur wählte den Titel in Anlehnung an Kafkas Werk. Hauzenberger begleitete mehrere Tierschützer bis zum Freispruch und danach, er drehte im Parlament und traf die damalige Justizministerin Claudia Bandion-Ortner – ausgerechnet auf dem Jägerball. Thematisiert wird auch die geringe Entschädigung von maximal 1250 Euro, während die Angeklagten nahezu ruiniert worden seien. Um immer wieder zum Prozess nach Wiener Neustadt zu fahren, musste Moser 1,5 Mal die Erde umrunden.



