Archiv

Letztes Update am TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe

Manu Delago im Interview

„Will den Menschen eine Erfahrung bieten, die neu für sie ist“

Mit Björk auf Tour, aber stets die eigenen Projekte im Blick: Der Tiroler Hang-Virtuose Manu Delago stellt am Donnerstag das Album „Living Room in London“ im Innsbrucker Treibhaus vor.

Viele bescheinigen dir, mit deinem Engagement bei Björk den internationalen Durchbruch geschafft zu haben. Wie denkst du selbst darüber?

Manu Delago: Ich denke nicht wirklich in Durchbruch-Begriffen. Aber es war ein großer Schritt und gerade ist eine super Phase in meinem Leben. Ich habe vorher eigentlich hauptsächlich meine eigene Musik gespielt, jetzt wieder einmal die von jemand anderem. Das dieser jemand Björk heißt, ist natürlich großartig. Mit ihr gleich ein paar Jahre auf Tour zu sein, ist schon etwas Spezielles.

Du sagst ‘ein paar Jahre‘. Wie darf man sich das vorstellen?

Delago: Es ist keine Tour im klassischen Sinn. Zum einen gibt es die „Residencies“, bei denen wir einen Monat lang in einer Stadt bleiben und jeden dritten Tag ein Konzert spielen. Wir waren zum Beispiel im Juni in Manchester, im Oktober in Reykjavik und im Feber geht´s nach New York. Im Frühling und Sommer stehen einige Festivals an. Zunächst in Mittelamerika, dann in Europa.

Björk ist für ihren außergewöhnlichen Stil bekannt. Inwieweit lässt du dich von ihren Ideen auch für deine eigenen Projekte inspirieren?

Delago: Ich glaube, dass man generell von allem beeinflusst wird, was man erlebt. Egal ob es Musik ist, andere Kunst oder ganz Alltägliches. Die Phase mit Björk ist sehr intensiv und ich werde davon klarerweise inspiriert. Erstaunlich ist, mit wie vielen Leuten Björk zusammenarbeitet, um diese Show auf die Beine zu stellen. Da gibt es Leute die nur irgendwelche elektronischen Beats machen, andere sind für die Chor-Arrangements verantwortlich, dazu kommen Programmierer von Apps, Grafiker und Produzenten. Björk setzt dann dieses Puzzle auf ihre Weise zusammen.

Kannst du bei Björk auch eigene Vorstellungen einbringen?

Delago: Ja, sie schafft es die Kontrolle über alles zu behalten und trotzdem jedem Individuum Platz für eigenen Einfluss zu lassen. Vor allem bei den älteren Songs hatte ich viel Spielraum, da wir alle im Stile von Biophilia (Anm.: aktuelles Björk-Album) arrangiert haben. Dadurch, dass ich Hang, Schlagzeug und Marimba spiele, habe ich mir mehr oder weniger aussuchen können welches Instrument ich wo einsetze.

Trotz Björk-Tour verlierst du deine eigenen Projekte nicht aus dem Blick. Am Donnerstag präsentierst du dein neues Album Living Room in London in Innsbruck. Was darf davon erwartet werden?

Delago: Wir sind ein Quintett, bestehend aus drei Streichern des London Symphony Orchestra, dem Bassklarinettisten Christoph Pepe Auer und mir am Hang. Schon vor drei Jahren haben wir das Projekt in London ins Leben gerufen, jetzt war die Zeit reif für ein Album. Stilistisch ist es relativ breit gefächert. Wir haben Stücke von den Beatles über Mozart bis hin zu Miles Davis arrangiert und Eigenkompositionen, die sich irgendwo zwischen diesen Stilen bewegen.

Sind Auftritte in der Heimat noch immer etwas Besonderes für dich?

Delago: Ja, obwohl ich nur noch selten in Tirol spiele, weil es zum Glück international immer mehr geworden ist. Eigentlich habe ich den größten Druck bei Konzerten in der Heimat. Weil die Leute mich hier schon am längsten kennen, will ich ihnen etwas Neues bieten. Ich will nicht herkommen und das gleiche machen wie vor einem Jahr.

Ein Markenzeichen von dir ist, dass du viele witzige Elemente in deine Shows einbaust. Wie kommst du auf diese Ideen?

Delago: Mein Ziel ist es, den Menschen eine Erfahrung zu geben die neu und speziell für sie ist. Ob das jetzt in eine schöne, eine lustige oder in eine experimentelle Richtung geht ist offen. Aber ich versuche einfach kreativ zu sein und verwende oft irgendwelche Spielsachen oder Alltagsartikel, da wird man im täglichen Leben inspiriert. Zum Beispiel Zähneputzen, das habe ich mein ganzes Leben lang jeden Tag geübt. Und irgendwann habe ich mir gedacht ich möchte mal damit auftreten. Ich kann ja nicht jeden Tag üben und nie spielen. (Zahnbürsten-Video: http://bit.ly/7BwUtx )

Was hast du dieses Jahr noch so geplant?

Delago: Neben Björk werde ich immer wieder mit meinem Duo Living Room und meiner Band Handmade auftreten. Im März führe ich meine Eigenkomposition für Hang und Streichorchster mit dem London Symphony Orchestra auf. Das Ganze gibt es dann auch auf DVD.

Haben eigentlich die verwunderten Blicke auf das Hang abgenommen oder wirst du immer noch ständig gefragt, was es mit diesem Klangwunder auf sich hat?

Delago: Es hängt davon ab wo man hinkommt, in manchen Gegenden ist es schon bekannter. Meistens wissen ein paar Leute im Publikum Bescheid, die es dann den anderen erklären können. Generell gibt es mittlerweile mehr Information über das Instrument im Internet.

Im Web schwirren aber weiter viele Gerüchte herum. Wie schwierig ist es wirklich an ein Hang zu kommen?

Delago: Leicht ist es nicht. Man muss sich schriftlich bei der Herstellerfirma um ein Hang bewerben. Wenn man auserkoren wird, muss man persönlich in die Schweiz fahren, um es dort abzuholen. Auf www.hangblog.org gibt es alle aktuellen Informationen, das ist die verlässlichste Website.

Rückblickend auf vergangenes Jahr. Gibt es einen Moment, der für dich besonders einprägsam war?

Delago: (überlegt) Ja, da gibt es so einen Moment. Am 16. Juni habe ich mein Leben als Student beendet und über Skype meine Abschlussprüfung hingelegt. Dabei saß ich in einem kleinen Proberaum in Island, drei Stunden später spielte ich mein erstes Konzert mit Björk. Das war schon ein schöner Übergang vom Studentenleben ins Erwachsensein. (lacht)

Das Gespräch führte Simon Hackspiel