20.12.2011
Kino-Kritik

Ein Spinnennetz aus Intrigen

Mit dem spannenden Thriller „The Ides of March – Tage des Verrats“ hat George Clooney einen bitteren Film über die dunklen Seiten der Politik inszeniert.

Von Peter Angerer

Innsbruck – Während des Präsidentschaftswahlkampfes von 1968 beleidigte der Autor Hunter S. Thompson (1937–2005) den republikanischen Kandidaten Richard M. Nixon in einem Bericht auf eine Weise, die ihm bloß eine Durchsuchung seines Hotelzimmers einbrachte. „Jahrelang“, schrieb Thompson über Nixon, „habe ich allein schon die Tatsache seiner Existenz als Denkmal für all jene verfaulten Gene und kaputten Chromosomen angesehen, welche alle Realisierungsmöglichkeiten des amerikanischen Traums korrumpieren; er war eine üble Karikatur seiner selbst, ein Mann ohne Seele, ohne inneren Überzeugungen, mit der Integrität einer Hyäne und dem Stil einer giftigen Kröte.“ Wie konnte das passieren, dass ein Politiker, der sich ganz offensichtlich in einem moralischen Morast aus Korruption und Habgier suhlte, solche Wahlsiege erringen konnte?

Es war eine neue Generation­ von „Technikern“ – Polit- und Medienstrategen –, die Nixon in einen Staatsmann verwandelten und nach Watergate zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Seither gibt es auch in regelmäßiger Folge eine neue Art des Thrillers über diese Spindoktoren­, wenn es notwendig ist, die moralischen Standards in Amerika zu überprüfen. George Clooneys­ „The Ides of March“ ist eine äußerst bittere­ Beschreibung der aktuellen moralischen Verhältnisse.

Stephen Myers (Ryan Gosling war gerade noch in „Blue Valentine“ zu sehen) ist der neue Star unter den Medienberatern und könnte bei jeder Agentur Millionen verdienen. Doch dem Idealisten gefällt das Programm des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Mike Morris (George Clooney), der mit seinem Einzug in das Weiße Haus das Ende von Bigotterie, Ungleichheit, Verbrennungsmotor und amerikanischen Minderwertigkeitskomplexen verspricht. Aber dazu benötigt er die Unterstützung des konservativen Senators Thompson (Jeffrey Wright), der Außenminister werden und zugleich die UNO eliminieren möchte. Tom Duffy (Paul Giamatti) ist der zynische Wahlkampfmanager des demokratischen Gegners und weiß, wie man ein feines Spinnennetz aus Intrigen knüpft. Als Verführer, der den Weg in eine goldene Zukunft kennt, nähert er sich dem naiven Jungstar, dem sich die dunkle Kehrseite der Politik noch nicht enthüllt hat. Aus Scham verschweigt er das Treffen samt unmoralischem Angebot und verliert sofort seinen Status. Für Paul Zara (Philip Seymour Hoffman) ist Verschweigen die schlimmste Form der Loyalitätsverletzung, die genau so von Duffy eingefädelt worden war und von der Journalistin Ida Horowicz (Marisa Tomei) in die Welt transportiert wird. Stephen beginnt, als er die Regeln der Schlammschlacht begriffen hat, mit seinen Dämonen zu ringen. Der Idealist kann nur verlieren, aber es ist eine Win-Win-Situation. Stephen­ kennt das furchtbare Geheimnis des Kandidaten mit einer Praktikantin, das ihn in die Lage versetzt, künftig in Washington eine mächtige Rolle zu übernehmen. So funktioniert Politik.

George Clooney wollte „The Ides of March“ (nach dem Theaterstück „Farragut North“) bereits 2008 realisieren, doch der Hoffnungsträger Barack Obama hat ihn das Projekt verschieben lassen. Die Ernüchterung durch den politischen Alltag hat die Geschichte wieder aktualisiert, stellt sie doch Individuen vor, die sich einem System anpassen, das Idealisten zu zynischen Kleindarstellern des längst unter Schimmel verborgenen amerikanischen Traums macht. Und wie Clooney seine Stars in oft kleinen Rollen diese ambivalenten Figuren spielen lässt, wird zu einem großen, wenn auch deprimierenden Kinoerlebnis.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 20.12.2011
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