Eine Lektion über Zivilisation und Zivilcourage
Von Peter Angerer
Innsbruck – Mark Twains Roman „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ darf wegen des „verderblichen Einflusses auf jugendliche Leser“ noch immer nicht in Schul- und Gemeindebibliotheken mancher US-Bundesstaaten aufliegen. Dabei ist Tom Sawyer nur auf der Suche nach Freiheit und Wahrheit und selbst eine Morddrohung kann ihn nicht daran hindern, sein Leben für die Unschuld des Trinkers Muff Potter einzusetzen, den die anständigen Bürger gerne lynchen würden. Daher überrascht es nicht, dass nur ein Drittel der zwölf Verfilmungen für Kino und Fernsehen in Amerika entstanden ist.
Die jüngste Kinoversion von „Tom Sawyer“ kommt aus Deutschland. Die Literaturspezialistin Hermine Huntgeburth („Effi Briest“, „Neue Vahr Süd“) hat die Vorlage aktualisiert, indem sie die sozialen Bedingungen des 19. Jahrhunderts akzentuiert und damit auch die Konflikte verschärft. Andererseits rückt sie die Abenteuer ihrer Helden Tom Sawyer (Louis Hofmann) und Huckleberry Finn (Leon Seidel) auch in die Nähe der Lausbubenstreiche von Max und Moritz, was aber gar nicht so falsch ist, denkt man an die Entstehungszeit von Twains Roman (1876) und der Bildergeschichte (1865) von Wilhelm Busch.
Das Lieblingsziel der Anschläge von Tom und Huck ist der Sargtischler Muff Potter (Joachim Król), den sie in einen lebenden Toten verwandeln. Indianer Joe (Benno Fürmann) gehen sie vorsichtshalber aus dem Weg. Dafür treiben ihn die Dorfbewohner durch latenten Rassismus immer mehr in die Enge, bis er – von den Kindern beobachtet – zum Mörder wird. Tante Polly (Heike Makatsch) ist gegenüber der Vorlage bedeutend jünger geworden, kann aber auch nicht helfen. Ganz im Gegenteil, sie scheint sich mit dem „Halbblut” zu verbünden. Das ist aber glücklicherweise nur ein (erotischer) Albtraum.
Der Konflikt, sich zwischen Lüge, Bedrohung, Bigotterie und Verrat für das Richtige zu entscheiden, macht die Parabel der Erzählung aus. Huckleberry Finn würde sich als Anhänger eines subversiven Begriffs von Freiheit lieber auf dem Mississippi aus dem Staub machen. Tom hängt an seiner Idee von Zivilisation und Zivilcourage.
Hermine Huntgeburth hat „Tom Sawyer“ in Brandenburg gedreht. Ein Raddampfer wurde nachgebaut. Das verströmt noch nicht den Geruch des amerikanischen Südens, aber die Lektion ist verständlich. Und weil alles so gelungen ist – und wohl auch aus ökonomischen Gründen –, wurden „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ gleich mitverfilmt. Die kommen bereits im Herbst ins Kino.



