04.01.2012
Vorschau

Die Unberührbaren der Bourgeoisie

16 Millionen Franzosen haben sich die Wohlfühlkomödie „Ziemlich beste Freunde“ von Olivier Nakache und Eric Toledano bereits angesehen. Diese Woche kommt der Sensationserfolg in unsere Kinos.
Der grandiose Omar Sy bringt als Pfleger aus den Banlieues gute Laune in das Leben des gelähmten Milliardärs Philippe (François Cluzet).Foto: Senator
Kommentar

Von Peter Angerer

Innsbruck – Nicolas Sarkozy war – 2005 – noch Innenminister, als die Jugendlichen in den Pariser Vorstädten mit brennenden Autos auf ihre soziale Situation aufmerksam zu machen versuchten. Die Ausrufung des Notstands, Sarkozys drastische Antwort auf die Sprache der Straße, hat nicht unwesentlich zu seiner Wahl zum Staatspräsidenten beigetragen. Nun sieht es so aus, als müsste Sarkozy demnächst die Schlüssel zum Élysée-­Palast wieder abgeben. Wenige haben von seinen Steuergeschenken profitiert. Vielleicht bleibt als Symbol für diese Periode eine Konzern­erbin zurück, die sich im intimen Kreis nicht lumpen lässt und einen Freund mit einer Milliarde fördert, um in schweren Zeiten Solidarität zu demonstrieren. Sicher, die schönsten Filme über den „diskreten Charme der Bourgeoisie“ sind längst gedreht, doch 2011 kauften 16 Millionen Franzosen eine Kinokarte, um sich mit „Intouchables“ von der (wahren) Geschichte einer Freundschaft zwischen einem vorbestraften Bewohner der Banlieues­ und einem behinderten Milliardär rühren zu lassen. Damit ist der Film dabei, zu „Willkommen bei den Sch‘tis“ aufzuschließen, dem erfolgreichsten französischen Film (20 Millionen Besucher) aller Zeiten.

„Intouchables“ heißt die Unberührbaren und muss im Deutschen etwas Schmutziges bedeuten, denn der Verleih hat sich für „Ziemlich beste Freunde“ als deutschen Titel entschieden.

Driss (Omar Sy) hat als Kind den Senegal verlassen, um etwas Sonnenschein in das Leben von Tante und Onkel in Paris zu bringen. Nach einem längeren Gefängnisaufenthalt benötigt Driss drei Unterschriften als Beleg für ernsthafte Bewerbungsgespräche, die Voraussetzung für den Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung. Diese Unterschrift verweigert ihm Philippe (François Cluzet), der sich nach einem Paragleiterunfall nicht mehr bewegen kann. Dafür sagt Philippe: „Gefällt es Ihnen, von anderen­ abhängig zu sein?“ Das ist natürlich eine Steilvorlage für Driss: „Da redet der Richtige!“ Diese Einstellung gefällt dem Milliardär, der sonst nur in Mitleid baden kann. An den Wänden hängen aus Kunstbüchern bekannte Gemälde, Driss schnappt sich zum Abschied ein Fabergé-Ei, das leicht zu transportieren ist und je nach Verzierung schon einmal für 15 Millionen über den Auktionstisch gewandert ist. Davon weiß Driss nichts und Philippe bleibt über den Verlust auch erstaunlich gelassen. Driss lässt sich immerhin zu einem Probemonat als Pfleger überreden. Diesen Entschluss bereut er bereits am ersten Tag, denn die Behinderung Philippes­ erfordert in hygienischen Belangen akkurates Handeln. Dafür entschädigt wieder der Dienst als Chauffeur mit Maserati.

Das Autoren- und Regieteam Olivier Nakache und Eric Toledano lässt am Ende die authentischen Vorbilder für das Gegensatzpaar auftreten. Dieser Verweis ermöglicht auch den einen oder anderen schrägen Witz über Klassenunterschiede, Elend und Behinderung, weil ihn das Leben geschrieben hat. Das Gemeinsame triumphiert über das Trennende. Mit dieser schlichten Botschaft haben die Unberührbaren den Nerv der Franzosen getroffen. Damit wird aus den „Ziemlich besten Freunden“ sozusagen eine nachhaltige Komödie.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 04.01.2012
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