12.01.2012, 17:42  Aktualisiert: 21.01.2012, 01:01 
Interview

Filme, wie sie gedacht wurden

Dietmar Zingl, Geschäftsführer des Otto-Preminger-Instituts, sieht nach einer glücklichen Jahresbilanz optimistisch in die digitale Kinozukunft.

Innsbruck – Im kommerziellen Kino kommt die Digitalisierung einem Erfolgsversprechen gleich, da 3D-Effekte oder Liveübertragungen nicht anders zu realisieren sind. Deshalb gibt es auch die Ware Film nur noch im digitalen Format, der 35-Millimeter-Projektor ist zum Museumsstück geworden. Dieser Entwicklung mussten sich auch die Programmkinos anpassen und investieren. Dietmar Zingl gehört als Initiator und Geschäftsführer des Otto-Preminger-Instituts zu den Pionieren der europäischen Programmkinos, die sich neben der Verbreitung des Arthouse-Angebots auch der kontinuierlichen Beschäftigung mit der Filmgeschichte verschrieben haben. Die Früchte dieser Arbeit sind in der Akzeptanz von Untertiteln abzulesen, denn in den zwei Leokinosälen und im Cinematograph werden nur Originalfassungen gezeigt.

In Graz, immerhin Kulturhauptstadt mit einem hohen Studentenanteil, werden Filme mit Untertiteln nicht angenommen.

Dietmar Zingl: Es war immer unsere Absicht, Filme in der Form zu präsentieren, in der sie von Regisseur und Produktion gedacht waren, also in der Originalfassung und bestmöglicher technischer Qualität. In den großen Synchron-Nationen Deutschland und Italien sind untertitelte Filme im Regulärkino verpönt. Innsbruck musste mit dem Cinematograph erst einen Lernprozess im „Filmlesen“ absolvieren, bis heute die untertitelten Versionen für das Publikum so zur Normalität geworden sind, wie sie es schon immer in Skandinavien oder der Schweiz waren.

Die Kinobranche musste 2011 einen Besucherrückgang hinnehmen, der in Tirol kaum wahrgenommen wurde. Die Junggesellenabschiedsparty „Hangover 2“ hat im vergangenen Jahr Österreichs Kinogeher am meisten begeistert.

Zingl: Interessanterweise war bei uns der erfolgreichste Film „Black Swan”.

Was wird sich durch die Digitalisierung für die Programmkinos ändern?

Zingl: Unter Umständen wird das besser. Natürlich stehen jetzt mehr Filme zur Verfügung, vermutlich kann man alles in Originalfassungen haben. Früher haben die Verleiher aus Kostengründen keine Untertitel gemacht. Die Bedingungen werden aber zugleich härter, uneinschätzbarer auch, weil man nie genau weiß, was die Verleiher von einem wollen. Wir denken zurzeit sehr scharf nach, wann wir das Monatsprogrammheft abstellen sollen. Man kann nicht mehr einen Monat im Voraus sagen, wie lange ein Film im Programm bleibt, dann spielt er auch noch in allen Plexxen, das ist schon eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Wenn man sich zu mehr als 80 Prozent selber finanzieren muss, dann spielt die Wirtschaftlichkeit eben eine Rolle.

Bei der Umrüstung konnten Sie aber öffentliche Förderungen nützen?

Zingl: Bei uns in Tirol ist das gut gelaufen, weil Stadt und Land sofort gesagt haben, dass sie einen Beitrag leisten werden. In anderen Bundesländern war das nicht so einfach, das Schwierigste war das Bundesministerium für Unterricht und Kunst. Die haben sich bis zu ihrer Zusage viel Zeit genommen. Die Programmkinos haben eine Einkaufsgemeinschaft gebildet. Die genauen Kosten sind noch immer nicht bekannt. Wir wissen heute noch nicht, wie diese Speichergeschichten laufen, die Server haben nur eine begrenzte Speicherkapazität für sieben bis zehn Filme. Da kann es dann sein, dass die Umrüstung am Ende pro Saal 100.000 Euro kostet.

Die Erfahrungen nach zwei Monaten Digitalisierung sind zufriedenstellend?

Zingl: Mir kommt vor, die Technik ist noch nicht ganz im Griff, da meine ich jetzt Hersteller und Händler. Man hört ja auch von den Technikern in den Multiplex-Kinos, die schon vor Jahren digitalisiert wurden, dass es heftige Ausfälle gibt. Bei acht Sälen ist es dann nicht so tragisch, wenn ein Saal für eine Woche stillsteht. Bei uns wäre das eine Katastrophe.

Wird sich das Programm durch die Digitalisierung ändern?

Zingl: Wir haben in den letzten zwölf Jahren immer 300 Filme im Jahr gezeigt, daran wird sich nichts ändern. 80 bis 100 davon laufen nur in ein bis zwei Vorstellungen. Das sind Filme, die sonst überhaupt nie nach Innsbruck kommen würden. Dann gibt es noch weitere 80 Filme, die etwa eine Woche lang in einer Vorstellung gezeigt werden und die sonst auch nie zu sehen wären. Wir leben aber von den 50 Filmen, die am besten laufen, von denen müssen sich etwa 30 gegen die Konkurrenz in den Multiplex-Kinos behaupten, wo die Synchronfassungen spielen.

Das Publikum scheint den Angeboten in den Programmkinos treu zu folgen?

Zingl: In Innsbruck wurden im vergangenen Jahr 770.000 Kinokarten verkauft. Davon entfallen 100.000 auf Leokino und Cinematograph, das Open Air im Zeughaus kommt mit 6000 Besuchern noch dazu. Das ist schon ein sehr gutes Ergebnis.

Da stellt sich die Frage nach der Zukunft des Open-Air-Kinos?

Zingl: Das wird heuer das letzte Open Air mit 35-mm-Filmen.

Das ist aber noch nicht das Ende?

Zingl: Von der digitalen Zukunft im Open Air trennt uns eine Investition von 80.000 Euro. Ob und wie wir diese Summe auf die Beine stellen können, kann ich nicht sagen. Ich glaube nicht, dass wir das finanziert bekommen. Lassen wir es dieses Jahr noch laufen, dann sehen wir weiter.

Das Gespräch führte Peter Angerer

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Do, 12.01.2012  17:42
aktualisiert: Sa, 21.01.2012  01:01
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