Ein Jäger in Frauenkleidern
Von Peter Angerer
Innsbruck – Seit einigen Jahren beschäftigt sich Clint Eastwood, früher eher ein Falke unter den Republikanern, mit der Dekonstruktion des amerikanischen Traums und der damit verbundenen Mythen. In „Flags of Our Fathers“ zertrümmerte er ein Heldendenkmal und löste damit einen Proteststurm konservativer Patrioten aus. In „Der fremde Sohn“ ließ er Angelina Jolie eine Mutter spielen, die von den Behörden für geisteskrank erklärt wurde, um Ermittlungsfehler nach der Entführung ihres Kindes zu vertuschen. Gegen diesen düsteren Film kommt sein „J. Edgar“ beinahe wie eine Komödie daher.
Der Hauptschauplatz ist das Büro des FBI-Direktors J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio), doch der holzgetäfelte Raum könnte sich ebenso in einer geschlossenen Anstalt befinden, in der ein unter Verfolgungswahn leidender und von Ängsten getriebener alter Mann seine Erinnerungen diktiert. Diese Erinnerungen betreffen aber nicht nur die Biografie eines Menschen, es ist auch die Geschichte einer Nation, die sich in einem Netz aus Lügen und Intrigen verfangen hat und zum Zeitpunkt des Diktats – Ende der Siebziger Jahre beherrschen Hippies und Vietnamkriegsgegner das Straßenbild – moralisch zu verfaulen beginnt.
Das Vorzimmer bewacht die loyale Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts), der J. Edgar vor 40 Jahren einen Heiratsantrag unterbreitet hat. Damals haben Vorgesetzte über das Privatleben des Ermittlers noch Vermutungen angestellt. Seine Mutter Anne (Judi Dench) sagt in einer Rückblende, sie „wünsche sich lieber einen toten Sohn als eine Zisse“ und meinte damit einen Mann in Frauenkleidern. Nach dem Tod der geliebten Mutter lässt Clint Eastwood seinen Helden in ein Kleid der Verstorbenen schlüpfen, aber keine Trauer empfinden. Auf ähnliche Weise reagiert der FBI-Direktor 1963 auch auf die Todesmeldung aus Dallas, während er sich als Genießer einer Tonbandaufnahme des eben ermordeten Präsidenten mit einer Geliebten widmet. Mit solchen Aufnahmen und anderen Geheimnissen hatte Hoover die Mächtigen erpresst und seine Machtposition ausgebaut. Andererseits hatte Hoover den damaligen Justizminister Robert Kennedy mit der Leugnung der Existenz der Mafia entsetzt.
Die einzige Bedrohung für die Vereinigten Staaten von Amerika sah Hoover nur durch Kommunisten, wobei er Senator Joseph McCarthy nicht als Verbündeten, sondern als „Opportunisten“ betrachtete.
Eastwood porträtiert J. Edgar Hoover aber auch als Pionier bei der Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Verbrechensbekämpfung und der Medien zur Popularisierung der Arbeit seines Amtes. Hoover nützte Filmindustrie und Comics, um die Scheinwerfer des Ruhms auf seine Person zu richten. Am Ende ist es sein Stellvertreter und Geliebter Clyde Tolson (Armie Hammer), der Hoovers Scheinwelt zertrümmert. Dass Dustin Lance Blacks cleveres Drehbuch aber so gut funktioniert, verdankt sich der unglaublichen Leistung Leonardo DiCaprios, der nicht nur das halbe Jahrhundert Hoovers im Amt, sondern auch dessen Zerrissenheit mit bewundernswerter Leichtigkeit spielt.



