20.01.2012
Kino-Kritik

Die Wirklichkeit der Verbrechen

Für „Poliezei“ gewann die Regisseurin Maïwenn 2011 in Cannes den Preis der Jury.

Von Peter Angerer

Innsbruck – Scripted Reality, geschriebene Wirklichkeit, werden TV-Formate bei Privatsendern genannt, die hurtig und mit Laiendarstellern gedreht, eine oft grausame Realität imitieren, um sich letztlich doch – der Rechtsweg ist ausgeschlossen – auf die Fiktion zu berufen: Personen und Handlung sind frei erfunden. Der enorme Erfolg solcher Formate resultiert abhängig von voyeuristischer Sucht und Medienerfahrung der Konsumenten natürlich aus der Verwechslung von Fiktion und Realität.

Die französische Schauspielerin Maïwenn löscht in ihrem dritten Kinofilm als Regisseurin schon im Vorspann jeden Zweifel. „Poliezei“ („Polisse“) folgt wahren Begebenheiten, die sich so bei der Pariser Spezialeinheit zum Schutz von Minderjährigen (Brigade de Protection des Mineurs) ereignet haben. Robert De Niro könnte der Stil des Films (nervöse Handkamera) an seine frühen Arbeiten („Mean Streets“, 1973) mit Martin Scorsese erinnert haben, weshalb es im Mai 2011 beim Filmfestival von Cannes den „Preis der Jury“ für Maïwenn gab.

Nadine (Karin Viard, derzeit auch in „Mein Stück vom Kuchen“ zu sehen) löst nach ihrer Scheidung gerade den Haushalt auf. Dazwischen verhört sie mit Balloo (Frédéric Pierrot) einen alten Mann, der seine kleine Enkelin missbraucht hat. Auch Balloo wird am Abend ahnen, dass seine Ehe zu Ende geht, weil er nicht über seine Arbeit reden kann. Eine Kostprobe von seinen nächtlichen Begegnungen mit Pädophilen und verletzten Kindern beendet jeden Gesprächsversuch.

Auf Balloos Couch schläft bereits Fred (Joey Starr), der demnächst vom Anwalt seiner Frau hören wird. Fred ist in seiner Abteilung der wütendste Beamte, der seine seelischen Wunden nicht mehr verbergen kann. Er lacht über die Abmahnungen in seiner Akte, in der seine Gewaltausbrüche gegen Vergewaltiger und oder angesehene Väter, die sich an ihren Kindern vergehen, gar nicht vermerkt sind. Fred würde sich gern um eine obdachlose Afrikanerin kümmern, die ihren kleinen Sohn abgegeben hat. Solche Fälle sind nicht vorgesehen. Iris (Marina Foïs) ist ständig im Einsatz und leidet unter Depressionen und Magersucht, die zugleich ihre gewünschte Schwangerschaft verhindert. Auf der Straße verhaftet sie überforderte Mütter, in einer Klinik packt sie einen Fötus in eine Kühltasche, um die Spur zu einem Vergewaltiger zu finden. Irgendwann wird die Fotografin Melissa (Maïwenn) ein Mitglied des Teams, das sich nicht unbedingt in einem Fotobuch finden möchte. Nicht gerade uneitel inszeniert sich Maïwenn in ihren Szenen und in einer Liebesgeschichte mit dem aggressiven Fred. Diese Bilder haben andererseits die Funktion von Erholungsphasen, ohne die der brutale Film nicht zu ertragen wäre.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Fr, 20.01.2012
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