„Drive“: Cooler Männerkitsch im Sound der 80er
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Tagsüber verdingt sich Driver als Stuntman in Gangsterfilmen, nachts als Fluchtwagenfahrer bei echten Gangstern.
Foto: EPA
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Von Birgit Roschy/dapd
Berlin - Dem Actionthriller „Drive“ eilt ein sensationeller Ruf voraus. Tatsächlich handelt es sich um den coolsten Film der Saison. Die namenlose Hauptfigur nennt sich Driver, seine Berufung ist - richtig - das Fahren. Tagsüber verdingt sich der in Los Angeles lebende Einzelgänger als Stuntman in Gangsterfilmen, nachts als Fluchtwagenfahrer bei echten Gangstern. Der verschwiegene junge Mann führt alle Aufträge mit emotionsloser Perfektion aus. Bis ihm eine hilfsbedürftige Frau in die Quere kommt.
Der Däne Nicolas Winding Refn hat sich mit blutigen Genrethrillern, in denen er das beschauliche Kopenhagen aufmischte, den Ruf eines europäischen Tarantinos erworben. Nun meldete sich Hollywood in Gestalt von Schauspieler Ryan Gosling, der stets auf der Suche nach originellen Rollen ist. Gosling, der gerade einen einzigartigen Lauf hat - nach „Blue Valentine“ ist er zurzeit in „The Ides of March“ zu sehen - bewog Refn dazu, die Regie in der Verfilmung eines Groschenkrimis zu übernehmen. Prompt heimste der Däne für seinen „Actionthriller für den denkenden Mann“ auf dem Filmfestival in Cannes den Regiepreis ein.
Der Driver und das Mädchen
Dabei ist dieser Thriller nicht verkopft, sondern romantisch bis hin zum Männerkitsch. Als der Driver in die Augen seiner Nachbarin, der alleinerziehenden Irene blickt, ist sein Schicksal als edler Ritter besiegelt. Er knüpft zarte Bande zu der kleinen Blonden, zieht sich aber diskret zurück, als ihr Mann Standard aus dem Knast kommt. Als Standard mit einem letzten Coup seine Schuld bei Mafiosi abzahlen muss, will der Driver ihm und damit Irene helfen. Doch der Überfall bei einem Pfandleiher erweist sich als Hinterhalt. Der Driver und sein einziger Freund, ein Werkstattbesitzer, geraten auf die Abschussliste rivalisierender Mafia-Banden.
Ryan Gosling gibt als sanfter, stiller Geselle, der gleichwohl zu schockierenden Gewaltexzessen fähig ist, eine brillante Vorstellung. „Irene“ Carey Mulligan („Wall Street 2“) liefert ihm mit ihrer Tapferes-Kleines-Mädchenhaftigkeit einen hinreißenden Vorwand, um sich in brutalstmögliche Gemetzel zu stürzen. Diese sind von archaischer Logik: Der Driver muss schlicht seine Gegner ausrotten, bevor sie es tun. Dabei sind die Oberbösen - von den kantigen Haudegen Albert Brooks und Ron Perlman verkörpert - eher betuliche Halsabschneider, die sentimental werden, wenn sie alte Bekannte killen.
Wechselbad zwischen Brutalität und Romantik
Beim nicht jugendfreien Schlagabtausch mit der Lokalmafia und ihren Unterlingen, zu denen die aus der Serie „Mad Men“ bekannte sexy Christina Hendricks (in einem leider blutig abgekürzten Auftritt) zählt, kommt selten eine Schusswaffe zum Einsatz. Das wäre zu uncool für den Driver, der ebenso viel Kaltblütigkeit wie Zartgefühl in sich vereint. Natürlich erinnert dieser einsame Wolf an Alain Delon in Jean-Pierre Melvilles stilbildendem Krimi „Der eiskalte Engel“. Vor allem aber erweist Refn den Actionfilmen seiner Jugend in den 80ern und den Regisseuren Walter Hill, Michael Mann und Paul Schrader eine atmosphärische Reverenz.
Einerseits beherrscht er perfekt das Spiel mit Bremse und Gaspedal, wenn Autojagden und Gewaltorgien mit stummen Tête-à-Têtes wechseln, in denen zwischen dem Driver und seiner Herzdame die Luft brennt. Am bestechendsten aber sind die ästhetisch an die 80er angelehnten Stadtpanoramen. Wenn der Driver zu schlafwandlerischen Elektropop-Klängen im Neonlicht die Boulevards entlangfährt, skizziert der Europäer Refn mit stupender Stilsicherheit ein mythisches Amerika-Bild. Besonders in diesen Momenten entwickelt sein Film einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
(„Drive“, USA 2011, 101 Minuten, FSK: ab 18, Verleih: Universum, Regie: Nicolas Winding Refn, Darsteller: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Ron Perlman, Christina Hendricks u.a.)
Kinostart: 26. Januar 2012
aktualisiert: Sa, 21.01.2012 11:09





