Trauer im Ferienparadies
Von Peter Angerer
Innsbruck – Im Kino geht es oft um das Verhältnis der Totalen, in der sich der Betrachter orientieren kann, zur Großaufnahme, die das Gefühl liefert. Ungefähr so hat Alfred Hitchcock seine Erzählweise definiert. Komik funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip. Dem Pathos muss das Lächerliche folgen und umgekehrt. Auch im wirklichen Leben wird den handelnden Personen im ergreifendsten Moment oft ein Rettungsanker zugeworfen, um das Leben zu retten. Wenn der Croupier des Lebens „Rien ne va plus“ sagt und es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt, passiert etwas, das die Beteiligten jeder Verantwortung enthebt. In Alexander Paynes Schein-Verfilmung von Louis Begleys „About Schmidt” gibt es den grandiosen Auftritt Jack Nicholsons als Schmidt, der den überraschenden Tod seiner Frau nützt, um die mit ekelhaften Velourteppichen ausgelegte Toilette aufzusuchen und diese Landschaft im Angesicht der Trauer mit seinem Urin zu vernichten. In Paynes Oscar-gekrönten Film „Sideways” suchen zwei Freunde bei einer Genussreise durch das Napa Valley den perfekten Merlot und entdecken doch nur die Erbärmlichkeit des Lebens. Die Kunst besteht eben darin, sich dessen bewusst zu sein und damit umgehen zu können.
Gleich zu Beginn von „The Descendants” wehrt sich Matt King (George Clooney) aus dem Off gegen die üblichen Hawaii-Klischees, die in der Vorstellung gipfeln, die Bewohner der Inseln befänden sich in einem paradiesischen Dauerurlaub. Die Verkehrssituation unterscheidet sich kaum von jener in Los Angeles und es gibt Obdachlose. Allerdings relativiert der reiche Anwalt bei der Vorstellung seiner über die Inselgruppe verteilten Familie seine Ansicht, denn „auf Hawaii sehen auch die meisten Millionäre wie Penner aus”. Zumindest Matt ist in der Auswahl seiner Hawaiihemden zurückhaltend.
Matt erzählt seine Geschichte im Krankenzimmer, in dem seine Frau Elizabeth (Patricia Hastie) seit einem Unfall mit dem Speedboot im Koma liegt. Matt und Liz hatten sich in letzter Zeit nicht viel zu sagen, weshalb auch die Beziehung zu den Töchtern Alex (Shailene Woodley) und Scottie (Amara Miller) außer Kontrolle geraten ist. Matt hat nur Unstimmigkeiten beobachtet, ohne sich weiter darum zu kümmern, dabei war die Familie längst am Auseinanderbrechen. Liz hatte einen Liebhaber und war gerade dabei, Mann und Mädchen zu verlassen. Es ist nicht allein die verletzte Eitelkeit des betrogenen Ehemannes, die sich bei einem Dauerlauf ausschwitzen lässt. Matt muss auch zur Kenntnis nehmen, dass er als Einziger diese Entwicklung übersehen hat. Diese Erkenntnis korreliert mit der aktuellen medizinischen Diagnose, dass Gehirn und Niere irreparablen Schaden genommen haben und Liz für diesen Fall eine Patientenverfügung hinterlegt hat. Nach dem von der Patientin gewünschten Abschalten der Maschine bleiben gerade noch ein paar Tage, um Freunden und Verwandten die Möglichkeit zu geben, sich von der Sterbenden zu verabschieden. Diese Verfügung betrachtet auch Matt als Auftrag und da man solche Botschaften nicht telefonisch erledigt, nimmt er das Flugzeug und das Auto, um die Einladung zur Trauer persönlich zu überbringen. Scottie, Alex und deren frühreif abgebrühter Freund Sid (Nick Krause), der für die komischen Momente zuständig ist, begleiten ihn auf dieser Abschiedstour durch die Ferienparadiese Hawaiis. Matt möchte vor allem den Liebhaber seiner Frau finden, doch der Immobilienmakler Brian Speer (Matthew Lillard) entpuppt sich als kleinlicher Schwachkopf. Er ist sozusagen der Merlot aus „Sideways”. Matt lernt immerhin, dass nur Aufmerksamkeit für andere Menschen und die Welt die eigene Lebensqualität verbessern kann.



