02.02.2012
Kino News

Mit der schönsten Mama am Strand

Mit italienischen Schlagern und der wunderbaren Stefania Sandrelli erzählt Paoli Virzi in „La prima cosa bella“ eine Familiengeschichte über 40 Jahre.

Innsbruck – „Das ganze Leben liegt vor dir” war – 2008 – eine kleine, schrille Komödie über die prekären Arbeitsverhältnisse der Generation Praktikum in einem Callcenter. Der Überraschungserfolg eröffnete dem Regisseur Paolo Virzi den Zugang zu üppigeren Budgets, womit sich beispielsweise Ausflüge in die eigene Vergangenheit realisieren lassen.

Anna Nigiotti (Micaela Ramazotti) wird bei einem Strandfest in den Bagni Pancaldi bei Livorno 1971 zur schönsten Mama gewählt. Ein Schnulzensänger darf sie auf die Wange küssen. Ihrem kleinen Sohn Bruno ist das furchtbar peinlich, für den Ehemann Mario wird damit eine Grenze überschritten, die er ohnehin längst bis zur Unerträglichkeit ausgedehnt hat. Anderntags hängt noch dazu das Dokument dieser Schande in der Auslage eines Fotografen. Als Polizist und Ehrenmann sieht sich Mario gezwungen, seine Frau aus der gemeinsamen Wohnung zu werfen, und weil sich Bruno und dessen kleine Schwester Valeria an die Mutter klammern, dürfen die Kinder die Mutter bei deren Vertreibung begleiten, obwohl die Kinder eben noch ein Streitpunkt waren. Bei der nächtlichen Herbergssuche tröstet die Mutter die Kinder mit dem Lied über die erste schöne Sache: „La prima cosa bella – Die erste schöne Sache“.

2009 erinnert sich Bruno (Valerio Mastandrea) an diese Szene, die ihn irgendwie animiert, seine Freundin Sandra (Fabrizia Sacchi) aus der Wohnung zu weisen. Aber Sandra ist an solche Auftritte gewöhnt, außerdem ist sie die Eigentümerin der Wohnung. Solche Wendungen tragen nicht unbedingt zur Hebung des Selbstwertgefühls bei, weshalb er mit Vergnügen dem Verlangen seines Körpers nach Drogen nachkommt. Ungern besucht der ehemalige Dichter auch die Haushaltsschule, in der er Italienisch unterrichtet. An diesem Tag erwartet ihn noch dazu seine Schwester (Claudia Pandolfi), die ihn zu überreden versucht, sich von der sterbenden Mutter in Livorno zu verabschieden. Doch Bruno hat seit 30 Jahren jede Begegnung mit dieser Mutter vermieden, die er für jedes ihn und Italien betreffende Unglück verantwortlich macht. Und wer sucht schon ohne Not ein Hospiz auf? In diesem Moment droht auch die Filmerzählung zu kippen, denn Brunos Verliererstatus ist im Wechsel mit seinen Kindheitserinnerungen doch zu beliebig, um ein tieferes Interesse zu erzeugen. Auch die Erinnerungen an die Mutter entspringen eher einer schlichten Männerfantasie, denn Anna geht als Träumerin durch das Leben. Als Hausbesetzerin ohne politischen Hintergrund, als naive Gelegenheitsprostituierte oder Kleindarstellerin, die einmal Marcello Mastroianni einen Kaffee servieren soll, jagt sie ihre Kinder durch Absteigen und Demütigungen, die für eine Kinderseele nicht zu ertragen sind.

Stefania Sandrelli war in den Siebzigern auf solche Rollen wie jene der Anna spezialisiert, bereits als Fünfzehnjährige hat sie 1961 in Pietro Germis „Scheidung auf italienisch” den adeligen Ferdinando (Mastroianni) in den Wahnsinn getrieben. In „La prima cosa bella“ übernimmt Stefania Sandrelli den Part der Sterbenden, die die Metastasen ignoriert und große Pläne wie eine Hochzeit entwirft. Mit diesem Besetzungscoup rettet Paolo Virzi seinen Film. (p. a.)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 02.02.2012
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