Chauffeur als Chefredakteur
Von Peter Angerer
Innsbruck – Die Geschichte von Baby Schimmerlos ist schnell auserzählt. Franz Xaver Kroetz war 1986 in Helmut Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ jener Klatschreporter, der die Münchner Schickeria wie ein Marionettenspieler durch Restaurants führte und sich dabei als Aufklärer aufspielen konnte. Das Sittenbild der feinen Gesellschaft wurde allerdings nur durch die nostalgische Verklärung „Kult“, denn die von Patrick Süskind geschriebene und prominent besetzte Serie war mit 18 Prozent Marktanteil nicht gerade ein Straßenfeger. Erst bei den Wiederholungen wurde Dietls Pionierleistung anerkannt.
Nun gibt es mit „Zettl“ das Kinostück, in dem Baby Schimmerlos mit Häme verabschiedet wird. Der Reporter ist als gezeichnete Witzfigur mit Heiligenschein, als Ikone auf einem Stadtplan von Berlin zu sehen, wo der alte Mann mit seiner Harley am Brandenburger Tor zerschellt ist. Aus Eitelkeit, erzählt sein Nachfolger Max Zettl (Michael „Bully“ Herbig), denn der Alte wollte sich wieder jung fühlen, weshalb er „vom Porsche auf die Harley umgestiegen“ ist. Das ist auch eine kleine Rache an dem Schauspieler und Dramatiker Kroetz, der sich nicht mit dem Drehbuch von Helmut Dietl und Benjamin von Stuckrad-Barre identifizieren wollte.
Zettl lenkt als Chauffeur den Bentley für den Schweizer Milliardär und Großverleger Urs Doucier (Ulrich Tukur), der den Duft der weiten Welt nach Berlin bringen möchte. Nach dem Vorbild des legendären Magazins New Yorker soll die deutsche Hauptstadt The New Berliner erhalten. Baby Schimmerlos war als Chefredakteur vorgesehen, seit seinem Tod ist die Stelle vakant. Das wäre etwas für den verkannten Chauffeur, der nicht nur Verena (Karoline Herfurth), die Geliebte des Bundeskanzlers Ollie (Götz George), kennt, sondern auch den Schimmerlos-Kumpanen Herbie Fried (Dieter Hildebrandt) auf seine Seite ziehen konnte. Allerdings ist der Fotograf seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt, den vorerst Mona Mödlinger (Senta Berger) zur Schimmerlos-Beerdigung schiebt. Dabei ist der alten Dame ständig übel von ihren Auftritten als „Star der deutschen Volksmusik“. Aber den anderen Beteiligten geht es nicht besser, denn alle sind sie Fälschungen, ausgedacht von Agenten und Imageberatern. Das ist die schönste und einleuchtendste Erfindung des Films. Nur Zettl muss sich als Einziger ständig selbst neu erfinden.
Zettl sammelt Dossiers, während Doucier längst weiß, The New Berliner soll nicht Erkenntnis, sondern tiefsten Boulevard liefern. Überhaupt gibt es dieses Projekt nur, weil der Schweizer die Bürgermeisterin Veronique von Gutzow (Dagmar Manzel) liebt. Die Dame ist allerdings ein Mann, was Doucier ganz besonders schätzt, aber Wähler und Leser erschrecken könnte. Eine diskrete und als Fehlgeburt verkaufte Geschlechtsumwandlung durch den Prominentenarzt Alexander Skirkidis (Gert Voss) könnte das richtige Signal an das Volk sein. Im Nebenzimmer liegt der tote Bundeskanzler. Das Chaos ist nicht mehr aufzuhalten. Skirkidis war früher der Münchner Revolutionär Axel Sickert und ein Kumpel von Herbie. Ein Ministerpräsident (Harald Schmidt) lässt nach den Hoden der Bürgermeisterin suchen, um sie der Bildzeitung zuzuspielen. Vom Bild-Chefredakteur stammt auch die griffigste Metapher über die Macht des Mediums: Wer mit uns mit dem Lift nach oben fährt, fährt auch wieder nach unten. In „Zettl“ wird viel Lift gefahren. Das allein ergibt noch keine Satire.



