Auf der Suche nach der Seele findet sich das Böse
Von Peter Angerer
Innsbruck – Eine der schönsten Erfindungen des Films ist das Kino als Zeitmaschine. Träume und Ereignisse lassen sich beliebig dehnen und raffen und im Glücksfall ist für den Betrachter die Zeit verflogen, ohne es zu merken. Ganz selten gibt es auch Geschichten, die davon leben, dass die Zeit, von der erzählt wird, mit der Dauer der Erzählung identisch ist. Alfred Hitchcock hat deshalb 1948 versucht, „Cocktail für eine Leiche“ in einer einzigen Einstellung zu drehen. 2002 hat dagegen der russische Regisseur Alexander Sokurow mit einer unglaublichen Kraftanstrengung in „Russian Ark“ 300 Jahre in eine einzige Einstellung gepackt. Mit 300 Schauspielern wiederholte Sokurow ständig diese Kamerawanderung durch die endlosen Säle der St. Petersburger Eremitage, denn ein Fehler bei Minute 90 verlangte einen Neustart. Mit diesem Verfahren demonstrierte Sokurow nicht nur den Wahnsinn des Künstlers, sondern auch seine Stellung in der Hierarchie der Filmpolitik.
Bei seinem neuen Film „Faust“ kümmerte sich Wladimir Putin persönlich um die Finanzierung. Neun Millionen Euro kostete „Faust“ und Putin stellte laut Sokurow nur eine Bedingung: Kein Cent aus einem anderen Förderungstopf dürfe die russische Herkunft des Films in Frage stellen. Nachdem Sokurow in Venedig den Goldenen Löwen für seinen Film erhalten hatte, soll es genau sieben Minuten gedauert haben, bis sich der russische Ministerpräsident mit Glückwünschen meldete. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass „Faust“ nach Filmen über Adolf Hitler, Wladimir Lenin und Kaiser Hirohito Sokurows Kino-Tetralogie über Verformungen der Macht abschließt.
Wie eine Rakete oder in Google-Earth-Manier schießt die Kamera von Bruno Delbonnel (zuletzt „Harry Potter und der Halbblutprinz“) durch die Wolken auf eine biedermeierliche Kleinstadt zu und kommt erst vor dem verwesten Gemächt eines Mannes zum Stillstand. Faust (Johannes Zeiler) und sein Gehilfe Wagner (Georg Friedrich) ziehen auf der Suche nach der Seele Organe und Gedärm aus der Bauchhöhle. Faust ist bereits von der Forschung angeödet, nur der Famulus riskiert mit dem Hinweis auf die Beine als möglichen Sitz der Seele noch eine freche Lippe, dass den Gelehrten schaudert. Immerhin entschuldigt sich Faust beim Toten. Nach einem kurzen Imbiss begibt sich Faust zu seinem Vater. Die Goethe-Verse („Habe nun, ach ...“) kommen aus dem Off, werden als Gedanken Teil eines flirrenden Sounddesigns, denn Sokurow verwendet den Text als Partitur, die höchste Konzentration verlangt, aber auch in sinnfreien Tonmischungen unfreiwillig komische Momente bietet. Wie in einem Fiebertraum verformen sich oft die Bilder, für die Sokurow das klassische Stummfilmformat gewählt hat, das auch aktuell in „The Artist“ zu sehen ist. An die Stummfilmära erinnert auch die Situationskomik, denn Faust, Wagner und Mephisto (Anton Adassinsky) drängen immer als Knäuel durch enge Türstöcke. Mephisto ist der Wucherer, der gern einmal ein Bad nimmt und zum Entzücken der Damen seinen Panzer aus Fleischfetzen vorführt. Der Star des Films ist jedoch Isolda Dychauk, die als Margarete die Bilder zum Leuchten bringt und für die Faust seine nicht existierende Seele hingibt. Wenn Fausts Kopf zwischen Gretchens Schenkeln („unten hin die Bestie macht mir Grauen“) verschwindet, verwandelt sich auch Sokurow in einen ängstlichen Mystiker.



