06.04.2012
Kino News

Ganz schön böse: Märchen in neuem Kleid

Märchenhafte und düstere Unterhaltung: Julia Roberts und Charlize Theron machen im Kino Schneewittchen das Leben schwer.

Wien – Schneewittchen als ironisierter Familienfilm mit Bollywood-Einschlag? Hollywood-Regisseur Tarsem Singh („The Cell“) bringt zu Ostern mit „Spieglein Spieglein“ genau das auf die Leinwand. In bunten Farben, mit absurden Kostümen und in von Anfang bis Ende durchkomponierter, glatter Werbeästhetik erzählt der gebürtige Inder „die wirklich wahre Geschichte“ des Grimm-Märchens – und zwar aus der Sicht der bösen Königin, die von US-Superstar Julia Roberts mehr sarkastisch als böse interpretiert wird. Als Schneewittchen versucht sich Phil Collins‘ Tochter Lily.

Collins hatte in einem Interview noch zugegeben, dass sie sich eigentlich für den zweiten Schneewittchen-Film „Snow White and the Huntsman“ beworben hatte, der parallel von Debütregisseur Rupert Sanders als düsterere und actionreichere Version der Geschichte inszeniert wurde. In der Konkurrenzverfilmung, die als Erwachsenen-Version des Märchens des Weges kommt, wird die Rolle allerdings von „Twilight“-Star Kristen Stewart gespielt, als böse Widersacherin tritt dort Oscarpreisträgerin Charlize Theron in den Ring. Dem für Anfang Juni angesetzten Film werden an den Kinokassen größere Chancen eingeräumt – auch wenn Julia Roberts immer noch Zugkraft hat.

Doch Tarsem Singh zeigt einmal mehr, dass er zwar in der Lage ist, imposante Bilder zu zaubern, doch Schauspielregie und Charakterzeichnung sind offensichtlich nicht sein Ding. Lily Collins steht daher zumeist auf recht verlorenem Posten, Armie Hammer gibt im Wesentlichen den etwas naiven Prinzenschönling und Julia Roberts ist einfach Julia Roberts, auch wenn das Spieglein sie nicht mehr zur Schönsten im Land küren möchte. Das ganze Spektakel bleibt somit oberflächlich schön anzuschauen, aber hat familientauglich weder Ecken noch Kanten.

Recht unterhaltsam gestalten sich indes die Szenen im Wald, wo sich Schneewittchen als Haushälterin der sieben Zwerge gut schlägt und sich, während sie ihnen menschenfreundliche Gedanken einimpft, nebenbei von ihnen zur selbstbewussten Kämpferin ausbilden lässt. So soll das Königreich von der Herrscherin befreit werden und das Land wieder zu alter Blüte finden – doch ein Apfel und eine Bollywood-Nummer könnten dem Happy End ebenso im Weg stehen wie die meisten Dialoge und Gags, die auf dem spiegelglatten Parkett des Märchenschlosses einfach davonrutschen. (APA, TT)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Fr, 06.04.2012
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