11.04.2012
Vorschau

Variationen zum Thema Heimat

Othmar Schmiderers neuer Dokumentarfilm „Stoff der Heimat“ kommt ins Kino.

Innsbruck – „Heimat“ ist ein schwieriger Begriff, der sich wie kaum ein zweiter instrumentalisieren lässt. Von der unverminderten Zugkraft des Wortes „Heimat“ zeugen nicht zuletzt die Parolen, die immer dann medienwirksam herbeizitiert oder bisweilen neu gedichtet werden, wenn es um das ein oder andere Mandat geht. Mit anderen Worten: Das Schlagwort hat mitunter starke Schlagseite.

Dabei, erklärt Filmemacher Othmar Schmiderer im Gespräch mit der TT, „ist Heimat viel mehr als die übliche Schwarz-Weiß-Malerei. Wer sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, dem eröffnet sich ein ungemein facettenreiches Panorama.“ Schmiderer weiß, wovon er spricht. Zwei Jahre lang war er auf der Suche nach dem „Stoff der Heimat“. Er beschäftigte sich mit einem der wirkmächtigsten Symbole für traditionsbewusstes Brauchtum, mit der Tracht.

Aus dieser Beschäftigung ist ein vielstimmiger Dokumentarfilm entstanden, der Eindeutigkeiten und Verkürzungen vermeidet. „Mir schwebte eine phänomenologische Beobachtung dieses zutiefst ambivalenten Themas vor“, sagt Schmiderer. Eindringlich führt der Film vor Augen, dass man dem Phänomen Tracht Unrecht tut, wenn man es vorschnell in die Ecke der Ewiggestrigen, der geschichtsvergessenen Patrioten stellt.

Trachten sind, wie die Auseinandersetzung mit „Heimat“ im Allgemeinen, ein Suchen nach tragfähigen Identitätsmodellen. Es geht auch hier um die Fragen, wer sind wir, woher kommen wir und – das wird gerade bei solchen Themen gern übersehen – wohin wir gehen. Fragen, die man nie einfach und eindeutig beantworten kann.

Der Film zeigt verschiedene Wege im Umgang mit dem Phänomen. Natürlich kommen die üblichen Verdächtigen zu Wort. „Wir tragen Niederösterreich“, sagt etwa Erwin Pröll und zeigt damit – ob bewusst oder nicht, ist letztlich egal –, wie einseitige Ausschlussmechanismen funktionieren. In die gleiche Kerbe schlagen auch Prölls Kollegen, Luis Durnwalder zum Beispiel oder Josef Pühringer.

Abseits vom volkstümelnden Populismus führt „Stoff der Heimat“ Möglichkeiten vor, das Eigene mit dem vermeintlich Fremden zu kombinieren. Junge Modemacher, die beweisen, dass ein traditionsbewusster Blick nach vorne möglich ist und homosexuelle Schuhplattler brechen die althergebrachte Rollenbilder auf. Heimat, das zeigt der Film, ist durch zugespitzte Stammtischparolen nicht auf den Punkt zu bringen. (jole)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 11.04.2012
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