Die dunklen Kräfte Marilyns
Von Peter Angerer
Innsbruck – In den Fünfziger Jahren musste sogar das Dekolleté einer Schauspielerin von der US-Zensurbehörde abgesegnet werden, weshalb sich Billy Wilder 1955 bereiterklärte, George Axelrods zweitklassiges Bühnenstück „Das verflixte siebente Jahr“ zu verfilmen. Niemand würde von diesem Film über einen verklemmt lüsternen Mann, der die Abwesenheit seiner Frau für ein erotisches Abenteuer mit einer Nachbarin nützen möchte, noch reden, wenn Wilder, dieser Meister der Komik und des Marketings, nicht dieses Sinnbild für die Verführungskunst Hollywoods kreiert hätte.
Marilyn Monroe spaziert durch das unter einer Hitzewelle leidende New York und findet über dem Gitterrost einer U-Bahn Abkühlung. Die Klimaanlage wirbelt ihr Kleid hoch, nur das Dekolleté bleibt züchtig. Eine Ikone war geschaffen. Und wo immer die Monroe künftig auftauchte, wollten Journalisten und Fans diese Erregung spüren. Die Reporter bei der ersten Pressekonferenz 1956 in London anlässlich der Dreharbeiten zu „Der Prinz und die Tänzerin“ dürsteten nach Anzüglichkeiten. In der Fantasie wurde das Sexsymbol ausgezogen. „Stimmt es, dass Sie zum Schlafen nur Chanel No. 5 tragen?“ Und Marilyn, in freundlicher aber naiver Stimmung, beleidigte das Empire, als würde es von Motten verzehrt werden: „In England trage ich natürlich den Duft von Lavendel!“
Diese legendäre Pressekonferenz setzt Simon Curtis an den Anfang von „My Week with Marilyn“. Colin Clark (Eddie Redmayne) möchte nicht mehr der gehorsame Sohn einer angesehenen Familie sein, sondern ins Filmgeschäft wechseln, wenn es sein muss, als Laufbursche. In einem Kino sieht er Marilyn Monroe (Michelle Williams), die 1956 nach England gekommen war, um „sich von einem Filmstar in eine ernsthafte Schauspielerin“ zu verwandeln. Laurence Olivier (Kenneth Branagh) wird für Regie und Hauptrolle verpflichtet. Dieses Engagement entpuppt sich als eines der großen Missverständnisse der Filmgeschichte, denn Marilyn Monroe hat in Lee Strasbergs Actors Studio soeben die dunklen Kräfte des Schauspiels entdeckt, während Olivier die Annehmlichkeiten sucht, die einem Filmstar zustehen. Auf dem Weg zu Ruhm und Geld schüttelt der Shakespeare-Experte die erste Regieanweisung für seinen Star aus dem Ärmel: „Marilyn, sei jetzt so richtig sexy!“ Diese Anweisung stürzt die Schauspielerin in einen Abgrund, denn einerseits möchte sie die Kontrolle über ihr Image erobern, andererseits ahnt sie nichts von dieser Magie, die eine eher unauffällige Frau in dieses strahlende Wesen auf der Leinwand verwandelt. Die Monroe verschwindet hinter einem Vorhang aus Tabletten und Alkohol, die erst vor wenigen Wochen geschlossene Ehe mit dem Dramatiker Arthur Miller (Dougray Scott) beginnt in einem Meer aus Verachtung zu versinken und in diesem Moment der Verzweiflung wird der 3. Regieassistent Clark – für eine Woche – zum Strohhalm, an den sie sich klammert.
„Der Prinz und die Tänzerin“ entsteht in einem Klima aus Angst und Hass, doch am Ende ist es wieder diese Magie, die im Kino zu sehen ist. Diesem nicht erklärbaren Zaubertrick spürt Michelle Williams nach. Sie wird allerdings von Regisseur Curtis allein gelassen, denn sie darf die Monroe nur imitieren.
Über die Bedingungen in der Kinobranche weiß Michelle Williams inzwischen fast ebenso viel wie Marilyn Monroe. Trotz grandioser Leistungen und einem Oscar für ihre Rolle in „Brokeback Mountain“ (2005) wurde ihr die größte Aufmerksamkeit wegen ihrer Beziehung zu Heath Ledger zuteil. Wegen ihrer aktuellen Prominenz erhält aber auch ihre Arbeit in Kelly Reichardts „Meek‘s Cutoff“ eine Kinochance. Bereits 2010 spielte Williams eine Siedlerin, die mit drei Familien in Planwagen 1845 auf der Suche nach fruchtbarem Land durch die Wüsten Amerikas irrt. „Meek‘s Cutoff“ ist ein sehr langsamer Film – aber voller Magie.



