Albträume vor dem Untergang
Von Peter Angerer
Innsbruck – Ein Film, der mit einem Albtraum beginnt, lässt sich zuerst einmal alle Genretüren offen. Der Träumer kann an dieser Vision zerbrechen oder schlimmer noch: Der Albtraum war gar keiner. Clevere Regisseure, die auch die Kasse im Blick behalten, spielen mit diesen Varianten zwischen Horrorfilm und Krankengeschichte. Jeff Nichols liefert in „Take Shelter – Ein Sturm zieht auf“ ganz nebenbei noch einen Stimmungsbericht über ein verunsichertes, gottesfürchtiges Amerika.
Curtis LaForche (Michael Shannon) und seine Frau Samantha (Jessica Chastain) lernen für ihre taubstumme Tochter Hannah (Tova Stewart) die Gebärdensprache, wobei Samantha mit mehr Begeisterung bei der Sache ist. Wenn Curtis von seinen Baustellen nach Hause kommt, reicht es gerade noch zu ein paar zärtlichen Gesten.
Während eines Unwetters attackiert der freundliche Familienhund den Vater, was wird die Bestie erst mit dem kleinen, hilflosen Mädchen anstellen? Der Hund muss zumindest in einen Zwinger. Auch Curtis weiß, dass es wieder nur ein Traum war, aber sicher ist sicher. Immer häufiger rast in den Träumen auch ein Tornado auf das noch nicht abbezahlte Häuschen zu. Curtis denkt in solchen Momenten an seine Mutter, die mit der Diagnose Schizophrenie seit seiner Kindheit in psychiatrischen Einrichtungen lebt. In der Stadtbibliothek sucht Curtis nach eindeutigen Erklärungen. Ein Psychiater rät zur Selbstbeobachtung, ohne die Symptome zu verharmlosen. Für alle Fälle nimmt Curtis auch einen Kredit zum Bau eines Schutzbunkers auf. Mit dieser Investition eskalieren allerdings die ehelichen Spannungen, denn Samantha näht in Heimarbeit Zierdecken und Putzlappen, um für Hannah demnächst mit Unterstützung der Krankenversicherung eine Ohrenoperation finanzieren zu können. Als Curtis für den Bau des Bunkers Baumaschinen seines Chefs borgt, verliert er Stellung und Krankenversicherung. Damit steht die Familie nicht nur vor dem Ruin, sondern auch im sozialen Abseits, denn die LaForches leben in einer Kleinstadt in Ohio, die sich über Anpassung definiert. Ein Sonntag ohne Kirchenbesuch erregt bereits Aufsehen und die Kirchengemeinde kennt kein Erbarmen. Aber Curtis hat längst eine andere – verstörende – Botschaft empfangen.
Jeff Nichols inszeniert in „Take Shelter – Ein Sturm zieht auf“ sehr einfühlsam die schlichte Welt der kleinen Leute, doch an den Genrekreuzungen verlässt er sich doch auf erprobte und erfolgreiche Muster. Da die Welt nicht mehr zu retten ist, lässt er schließlich statt der Frösche in „Magnolia“ zappelnde Vögel aus heiterem Himmel regnen. Mehrere Zitate verweisen auf das Horrorfilmgenre. Allerdings überlässt es Nichols den Zuschauern, über Wahrhaftigkeit und Halluzination zu entscheiden.



