22.06.2012
Kino News

Privilegierte Freizeit gegen Existenzsicherung

Carmen Losmann erforscht in ihrem faszinierenden Dokumentarfilm „Work hard – play hard“ die Zukunft der Arbeit.

Von Peter Angerer

Innsbruck – Jede Firma sucht den direkten Weg zu Wachstum und Erfolg, der in der Regel über ideale Mitarbeiter zu finden ist. Aber diesen idealen Mitarbeiter gibt es nicht, denn jeder Mensch ist zuerst einmal Rohstoff, den es zu veredeln gilt. Bereits ein kurzes Bewerbungsgespräch genügt einer Veredelungsfirma, die sich natürlich „Human Ressource Management“ nennt, um die Spreu vom Weizen im Humankapitalsilo zu trennen. Bereits die leichte Einstiegsfrage, die sich bei Bewerbern um den Stellenwert der angestrebten Beschäftigung erkundigt, entlarvt „Top-Talent“ und Verlierer. Sagen etwa Bewerber oder Bewerberin, die Arbeit solle der Existenzsicherung dienen, ist die ins Auge gefasste Existenz sofort in weite Ferne gerückt. Auch der optimistische Ansatz „Ich möchte mit meiner Arbeit Spaß haben“ ist keine Empfehlung. Die richtigen Antworten sind natürlich Begeisterung und Ehrgeiz. Das ist in Carmen Losmanns Dokumentarfilm „Work hard – play hard“ aber erst am Ende zu sehen. Da weiß man auch schon, dass solche Firmen, die Personal für Konzerne testen, über enorme Datenbanken verfügen, und wer nach dem Erstversuch gut vorbereitet weitere Tests absolviert, geht bestenfalls als Schlaumeier für niedere Dienste durch.

Carmen Losmann beginnt ihre Langzeitbeobachtung über deutsche Arbeitsplätze mit dem Architekturauftrag eines globalisierten Mischkonzerns für ein neues Verwaltungszentrum. Dabei haben die Planer auf Kommunikationsnischen zu achten, denn die Mitarbeiter erweisen sich vor allem in Kaffeepausen bei Treffen mit Kollegen aus anderen Abteilungen als besonders kreativ. Arbeitsplätze, so die Vision, sollen nicht mehr als solche wahrgenommen werden, denn Arbeit ist im günstigen Fall privilegierte Freizeit.

Im Jahr 2020 wird sich die nächste Arbeitsplatzrevolution ereignen. Dann sollen Mitarbeiter etwa bei Unilever ihre Büros individuell gestalten dürfen. Revolution hatte bis immer eine andere Konnotation, wenn von Arbeit die Rede war. Das Verblüffende bei Carmen Losmanns Dokumentarfilm ist die Bereitschaft von Managern und Unternehmensberatern, krude Arbeitsplatzkonzepte und zynische „Potenzialanalysen“ in einer Sprache vorzustellen, die man in einem reichlich überzogenen Satireprogramm bei der Weihnachtsfeier eines Autoherstellers erwarten würde. Tatsächlich wurde das „Human Capital Management“ beim japanischen Autokonzern Toyota als Optimierungs- und Personalabbaumaßnahme erfunden, um schlanke Hierarchien und Strukturen zu ermöglichen.

Sehr japanisch wirkt auch der Rat einer Personalberaterin für die Mitarbeiterin eines deutschen Solarunternehmens, ihr Humorpotenzial zu reduzieren, denn das Lachen könnte Kunden irritieren. Trotzdem, „Work hard – play hard“ ist ein todtrauriger Film über die Zukunft der Arbeit.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Fr, 22.06.2012
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