Legionäre ohne Figurproblem
Von Kathrin Siller
Innsbruck, Dormagen – 20 Bic Macs mit insgesamt 10.000 Kalorien hätte ein römischer Legionär verdrücken können, ohne ein Gramm zuzulegen. Auf diesen Spitzen-Kalorienverbrauch kamen Sportwissenschafter vom Institut für Leistungsdiagnostik im deutschen Dormagen. Dort stieg Triathlet Sascha Severin als Legionär Severinus auf ein Laufband, um einen stufenmäßig ansteigenden Belastungstest zu absolvieren. Beladen mit 30 Kilogramm Gepäck: Kettenhemd, Helm, Schild, dem „Cingulum“ (Gürtel), einem Unterleibsschurz, Speer und Kurzschwert, den wichtigsten Habseligkeiten, Nahrung und Wasser. Lediglich die Sandalen tauschte Severin gegen moderne Laufschuhe.
Dann ging es mit 4 km/h los, erhöht wurde bis auf 11 km/h. Mit einem so genannten Aeroscan wurde mittels einer Maske seine Atemluft gemessen: Über die Anteile an Sauerstoff und Kohlendioxid in der Atemluft lassen sich nämlich Aussagen über den Energiestoffwechsel und damit über den Kalorienverbrauch machen. „Wir haben dann die Ergebnisse auf einen Tagesmarsch in Lauftempo umgerechnet und sind dabei auf einen Verbrauch von 10.000 Kalorien gekommen“, erklärt der Leistungsdiagnostiker Andreas Heinen.
Der Innsbrucker Althistorikerin Brigitte Truschnegg scheint dieses Ergebnis aber nicht realistisch. „Dafür müsste der Legionär dauerlaufen und das ist mit dem ganzen Gepäck über längere Strecken kaum vorstellbar.“ Im Kampf sei ein derart hoher Energieaufwand aber durchaus möglich. „Wie viele Kalorien ein Soldat verbrannte, hing auch davon ab, ob er sich gerade auf einem Feldzug oder auf Abruf bereit in einem Lager befand“, gibt die Althistorikerin zu bedenken.
Zudem habe die römische Armee über die Jahrhunderte hinweg eine Entwicklung durchgemacht: „Im 2. Jahrhundert vor Christus sah ein Legionär anders aus und lebte anders als einer im 3. Jahrhundert nach Christus. Angaben über ihre Lebensumstände sind daher immer nur Annährungswerte“, sagt die Expertin.
Über die Ernährung der römischen Legionäre wisse man allerdings recht gut Bescheid, zum einen aus schriftlichen Quellen, zum anderen von archäologischer Seite: Es wurden etwa Grillroste, kleines Essbesteck, Grillpfannen, Werkzeug, aber auch Handmühlen gefunden. „Legionäre waren Selbstversorger und haben sogar ihr Brot selbst gebacken. Sie hatten ungemahlenes Getreide mit, das sie zu Mehl verarbeitet und auf einem heißen Dachziegel über der Glut gebacken haben.“
Heiß begehrt war zudem eine Art Getreidebrei, den die Kämpfer mit etwas Speck verfeinerten. Auf dem Speiseplan standen auch Salz, Früchte und Frischfleisch, das im Umfeld des Lagers erlegt wurde. Als „platzsparende“ Eiweißspender kamen Erbsen oder Bohnen ins Gepäck. Aus spätrömischer Zeit gibt es Belege dafür, dass einem Soldaten täglich rund ein Kilo Getreide, ein halber Kilo Fleisch/Speck und sogar ein Liter Wein zur Verfügung standen.
Dem Testlegionär auf dem Laufband dürstete freilich nicht nach Wein, sondern nach stillem Wasser. „Nach wenigen Minuten Belastung ist Severinus gleichsam ausgeronnen“, erzählt Heinen. Mit Wasser waren die Legionäre zum Glück gut versorgt. „Eine Legion bestand aus 3000 bis 6000 Personen. Ein Feldzug musste daher gut geplant sein“, erklärt Truschnegg. „Es wurde darauf geachtet, dass Quellen und Wasserstellen auf dem Weg lagen.“ So genügten eine Feldflasche und Essig. Das so genannte „Posca“, ein Essig-Wasser-Gemisch, wurde als erfrischender Durstlöscher genossen. Trotz allem war ein Marsch unter diesen extremen Belastungen kein Honigschlecken. „Legionär“ Sascha Severin selbst empfand das Gehen als äußerst unbequem. Aus Sicherheitsgründen musste der Test schlussendlich abgebrochen werden.
Die römischen Soldaten konnten ihre Streifzüge aber nicht einfach nach Belieben aufgeben. Laut Truschnegg geht die Forschung von Tagesetappen zwischen 16 und 26 Kilometern aus und einer Ausrüstung von etwa 47 Kilogramm inklusive drei Tagesrationen – allerdings ohne Werkzeug. Die stärksten Legionäre konnten Essensrationen für bis zu 22 Tage schleppen.
Unterwegs gab es Möglichkeiten zum „Auffüllen“: In Innsbruck etwa, nördlich der Wiltener Basilika, fanden Archäologen drei 17 mal 62 Meter große Getreidespeicher, von denen zwei später übrigens in ein Kastell umgebaut wurden. „Solche Speicher standen auf Füßen und waren aus Holz und Stein gebaut. Ihre Innentemperatur durfte nicht über 16 Grad liegen, um Keimbildung zu verhindern“, sagt Truschnegg.
Ein solcher Speicher wurde auch in Zirl innerhalb des Kastells auf dem Martinsbühel gefunden – auf der Nord-Süd-Route von Italien nach Augsburg. In Innsbruck gab es zudem eine Straßenstation, an der Reisende Pferde wechseln, Vorräte bekommen oder übernachten konnten. Auch Sascha Severin sehnte sich nach seinem Laufbandtest nach einem Schläfchen – und nach seiner neuzeitlichen Funktionswäsche.



