11.02.2012
Forschung

Die Herde der Neidhammel

Bevor andere das Doppelte kriegen, verzichten viele Menschen lieber selbst auf die Hälfte eines Gutes: vom Neid als Antrieb und Gift – für Neider und Beneidete.

Von Elke Ruß

Innsbruck – Diplomatenpässe für Ex-Minister und zweifelhafte Lobbyisten oder Steuernachlässe für die rotweißroten Ski-Asse? Die einen empören solche Bevorzugungen: Das seien nur ungerechtfertigte Privilegien, die es ersatzlos zu streichen gilt. Die anderen empört bloß die Kritik daran – und fast reflexartig wird der Neid der Besitzlosen ins Treffen geführt. Das klingt dann gerne nach Unschuldslämmern unter Neidhammeln.

Die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky etwa bezeichnete die Debatte über die blauen Pässe als eine der „Neidgesellschaft“. Diskutiert werde nicht mehr darüber, „ob es dem Staat hilft, etwas einzusparen, sondern es wird sofort gesagt: ‚Warum hat der das und ich habe es nicht?‘“, meinte Kdolsky in der ZiB 2. Jene, die so aufgeregt diskutieren, würden dies nicht tun, wenn sie selbst Diplomatenpässe hätten.

Tatsächlich bezieht sich Neid (im Unterschied zur Eifersucht, in der es um Beziehung geht) immer auf Hab und Gut – eines anderen. Moralisch gerechtfertigt wird er häufig mit dem Ruf nach mehr Gerechtigkeit.

Für Psychologen gehört der Neid „zum ganz normalen Spektrum“ menschlicher Regungen, sagt Daniela Renn, die Leiterin des Tiroler Psychologenverbandes. „Der psychisch gesunde Mensch hat ein Repertoire an Gefühlen: Er kann jemanden beneiden, sich aber auch mit ihm freuen und in einem anderen Moment traurig sein.“

Der Neid sei auch nicht ausschließlich schlecht: Immerhin kann er „auch ein Antrieb sein, das anzustreben, was der andere bereits hat“, bestätigt Renn. Beneidet zu werden für etwas, das man sich selbst geschaffen hat, könne ein gutes Gefühl sein. „In diesem Sinne stimmt das Sprichwort: Neid muss man sich erarbeiten – und man kann stolz sein auf das Erreichte.“

Es kommt auch durchaus vor, dass man jemanden um etwas beneidet, das man ihm zugleich von Herzen gönnt. So geht es z. B. der Oma, die ihr Enkerl um dessen jugendlichen Elan und seine Gesundheit beneidet.

Ins Negative kippt die Geschichte, wenn der Neid Missgunst und feindseliges Verhalten hervorruft. Im Extremfall kann das für den Beneideten sogar gefährlich werden.

Die Missgunst erzeugt häufig auch beim Beneideten ein ungutes Gefühl. Womöglich fühlt er sich deshalb – oder aus Angst davor – sogar veranlasst, Besitztümer vor anderen zu verbergen. Kein anderes Motiv erzeuge so viel Konformität wie „die Furcht, bei anderen Neid zu erwecken und dafür geächtet zu werden“, postulierte der Soziologe Helmut Schoeck schon 1966.

Krankhaft sei der Neid spätestens dann, „wenn dieses Gefühl vorherrscht“, erklärt Psychologin Renn. Für die Chance, dass der andere weniger kriegt, nehmen viele Menschen sogar selbst Verluste in Kauf: Englische Wirtschaftswissenschafter wiesen das in einem computersimulierten Glücksspiel nach. Fast zwei Drittel der Teilnehmer nutzten die Option, unter Einsatz eines Teils ihres Gewinns andere finanziell zu schädigen – obwohl sie dabei selbst die Hälfte der ausgeschütteten Gewinnsumme verloren.

Der Innsbrucker Theologie-Dekan Jozéf Niewiadomski erzählt dazu die Geschichte vom Kaufmann, der von einem Engel einen Wunsch frei hat. Allerdings solle er bedenken, dass der Konkurrent auf der anderen Straßenseite das Doppelte bekomme. Die Antwort des Kaufmannes: „Dann wünsche ich mir, auf einem Auge blind zu sein.“

Während der Züricher Ökonom Ernst Fehr milde Formen des Neides sogar als „emotionales Grundbedürfnis“ des Menschen wertet, gilt Neid in der katholischen Kirche als Todsünde – und im Fall Kain & Abel gar als Mordmotiv.

„Neid schadet zunächst mir selbst“, sagt der Theologe. „Er zerstört mein Selbstwertgefühl.“ Eine neidische Person sei eine, die zu wenig Liebe und Zuwendung erfahre. „Wer neiderfüllt ist, ist nicht mehr göttlich. Die wahre Gottheit ist über den Neid erhaben, sie ist sich ihres Wertes sicher. – Neid und Vollkommenheit schließen sich aus.“ Der Neid schade aber auch dem anderen, weil die Kommunikation gestört sei, spricht Niewiadomski sogar von Raub: „Ich beraube auch dich der Möglichkeit, durch mich bereichert zu werden. Neid steht für eine kastrierte Form der zwischenmenschlichen Kommunikation.“

„Die neidfreien Menschen sind die glücklichsten“, sagt Niewiadomski. Unsere Seitenblicke-Gesellschaft sei jedoch eine, die Neid produziert. „Dadurch findet Spannung statt – aber diese Spannung verursacht auch Leid.“

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 11.02.2012
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