Emotionaler Streit um Gipfelhöhen
Die „Seven Second Summits“ und die drei zweithöchsten Berge Ozeaniens
„Seven Second Summits“: Analog zu den „Seven Summits“ – den höchsten Berge der Kontinente – zielt diese Besteigungsreihe auf die sieben zweithöchsten Gipfel ab. Sie gilt zum Teil als herausfordernder. So gilt etwa der K2 als schwieriger und gefährlicher als der Mount Everest – der höchste Berg der Welt.
Die unstrittigen Gipfel: Zu den „Seven Second Summits“ zählen der K2 (Asien/Pakistan und China, 8611 Meter), der Ojos del Salado (Südamerika/Chile, 6893 Meter), der Mount Logan (Nordamerika/Kanada, 5959 Meter), der Dyck Tau (Europa/Russland, 5224 Meter), der Mount Kenya (Afrika/Kenia, 5199 Meter), der Mount Tyree (Antarktis, 4852 Meter).
Strittig: Hans Kammerlander hat sich laut eigenen Angaben bei der Besteigung des höchsten Berges von Australien und Ozeanien an indonesischen Behördenangaben orientiert und daher den Puncak Trikora bestiegen. Eine NASA-Messung hat jedoch einen höheren Wert für den Puncak Mandala ergeben. Für Christian Stangl könnte auch der Ngga Pulu als zweithöchster Berg Ozeaniens gerechnet werden. Vorausgesetzt man betrachtet ihn als eigenständigen Berg- und nicht nur als Nebengipfel.
Von Christian Willim
Innsbruck – Der erste Mensch am Mond? Neil Armstrong. Der erste Mensch auf allen Achttausendern? Reinhold Messner. Die Zweiten? Nach denen kräht kein Hahn. So ist das eben. Nur Pioniere dürfen mit Ruhm und Prestige rechnen. Das ist in der Raumfahrt nicht anders als im Alpinismus. Der Südtiroler Hans Kammerlander wollte der erste Mensch auf den zweithöchsten Gipfeln aller Kontinente sein – den „Seven Second Summits“. Anfang Jänner dann die Erfolgsmeldung: Mit der Besteigung des 4852 Meter hohen Mount Tyree in der Antarktis sei das Projekt abgeschlossen.
Doch inzwischen wird in der Bergsteigerszene heiß diskutiert. Denn auf einem der sieben Berge soll Kammerlander laut Experten den Gipfel verfehlt haben. Genau geht es um die Besteigung des Mount Logan in Kanada im Mai 2010. Für Eberhard Jurgalski steht außer Zweifel, dass Kammerlander damals nicht am höchsten Punkt gestanden haben kann. „Auf den Fotos sieht man ein Hochplateau. Der Gipfel des Mount Logan ist jedoch ein scharfer Grat“, erklärt der deutsche Bergchronist, der seit über 30 Jahren Gipfelbesteigungen in Tabellen festhält.
Extrembergsteiger Kammerlander hat inzwischen mit einer Stellungnahme reagiert: „Das Gipfelplateau des Mount Logan ist rund 8,5 Kilometer lang und besteht aus mehreren Gipfeln, die sich in ihrer Höhe nicht wesentlich unterscheiden. Das eröffnet vielleicht durchaus die Möglichkeit einer Verwechslung“, gesteht der 55-Jährige ein und will den Berg im Falle noch einmal besteigen. Er ärgert sich aber auch über „Schreibtischtäter“, die vom Tal aus Urteile fällen würden.
Dass der Südtiroler Bergsteiger auf die Kritik verschnupft reagiert, kann Jurgalski nicht nachvollziehen: „Wenn jemand will, dass eine Leistung weltweit anerkannt wird, dann muss er sich auch gefallen lassen, dass ein Beweis dafür verlangt wird.“ Das gilt auch für einen zweiten Gipfel in der „Seven Second Summits“-Serie. Für Jurgalski steht nämlich außer Frage, dass der vom Südtiroler 2011 bestiegene Puncak Trikora nicht der zweithöchste Punkt Ozeaniens ist. NASA-Daten würden belegen, dass der Puncak Mandala höher ist. Betrugsabsichten unterstellt der 59-Jährige dem Südtiroler keine. „Kammerlander ist Bergsteiger und kein Geograph. Aber wenn man so ein Projekt angeht, muss man sich vorher genau erkundigen. Immerhin verdient man dann ja auch viel Geld mit Vorträgen.“
Es ist eine Ironie dieser Geschichte, dass Kammerlander ausgerechnet mit Christian Stangl den vermeintlich letzten Berg seiner Serie bestiegen hat. Und das nicht nur, weil der österreichische „Skyrunner“ 2010 wegen eines vorgegaukelten Gipfelsiegs am K2 Schlagzeilen gemacht hat. Sondern auch, weil Stangl bei dieser gemeinsamen Expedition im Jänner per GPS messen wollte, ob der Mount Tyree wirklich nur der zweithöchste Berg der Antarktis ist oder vielleicht den Mount Vinson überragt. Er tut es nicht.
Aber dass Stangl sich überhaupt mit Vermessungen beschäftigt, hat einen guten Grund: Er will als erster Mensch die drei höchsten Gipfel aller sieben Kontinente besteigen. „Dabei musste ich feststellen, dass es in einigen Fällen strittig ist, welches der zweit- und welches der dritthöchste Berg ist.“
Dabei dreht es sich nicht nur um Höhen, sondern teilweise auch darum, ob es sich bei einem Gipfel um einen eigenständigen Berg- oder nur Nebengipfel handelt. So etwa im Falle des Ngga Pulu in Indonesien, der als Nebengipfel der Carstensz-Pyramide geführt wird. Für sich betrachtet wäre er der zweithöchste Punkt Ozeaniens. Und würde damit sowohl den Puncak Trikora als auch den Puncak Mandala hinter sich lassen.
Angesichts derartiger Streitigkeiten um zweithöchste und dritthöchste Gipfel stellt sich aber auch die Sinnfrage solcher Besteigungsserien. Jurgalski beantwortet sie für sich eindeutig. „Die ‚Seven Second Summits‘ machen sicher Sinn. Einige dieser Berge sind ja schwieriger zu besteigen als die höchsten Berge der Kontinente. Man denke nur an den K2.“



