17.05.2012
Reise

Der Mensch, der Berg und das Glück

Was bewegt Menschen, über ihre Grenzen zu gehen, um auf einem Berg zu stehen? Drei neue Biographien lassen die Motive von Kurt Diemberger, Herbert Tichy und Stephan Keck erahnen – lesenswert!
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Buch-Tipps

Kurt Diemberger. Unterwegs zwischen Null und Achttausend. Bilder aus meinem Leben. AS-Verlag, 240 Seiten, 43,90 €.

Herbert Tichy. Das Leben als Reise. Mit einer Biografie von Ulrich Wörz und Beiträgen u. a. von Kurt Diemberger, Peter Habeler und Wolfgang Nairz. Tyrolia-Verlag, 271 Seiten, 24,95 Euro.

Solo mit Familie. Abseits vom Normalweg. Ein Leben als Familienmensch und Extrembergsteiger. Von Stephan Keck und Derk Hoberg, Berg&Tal-Verlag, 288 Seiten, 22,90 Euro.

Von Irene Rapp

Innsbruck – Es gibt Bücher, die verschlingt man: weil sie einen in ihren Bann ziehen, durch ihre wortgewaltige Sprache etwa. Oder durch ihre Geschichte, die noch unglaublicher wird, wenn man weiß, dass diese auf wahren Tatsachen beruht. Da liegt er nun, der Prachtband, den sich Kurt Diemberger zum 80. Geburtstag am 16. März quasi selbst geschenkt – da selbst geschrieben – hat. Und gleich auf den ersten Seiten gelingt es dem in Bologna und Salzburg lebenden Österreicher, zu fesseln – was bis zur letzten Seite anhält.

Kurt Diemberger, einziger noch lebender Mensch, dem die Erstbesteigung von zwei Achttausendern gelungen ist. Nein, das hört er gar nicht gern, hat er unlängst erklärt. Das klinge ja so, als ob es bald aus mit ihm sei. Sein Großvater starb allerdings erst mit 103 Jahren, insofern stehen für den Enkel die Chancen gut, gute Gene vererbt bekommen zu haben. Der Großvater war es einst auch, der dem jungen Kurt ein Fahrrad schenkt. Mit diesem fährt er zum Matterhorn, dann geht es rauf auf den Viertausender.

Weitere hohe Berge folgen, gefährliche Nordwände, dann gelingt ihm mit der Erstbegehung der Schaumrolle an der Königsspitze – einer Eis-Schnee-Formation – 1956 der Durchbruch.

Heute gibt es diese Wechte nicht mehr, Diemberger hat noch das Glück gehabt, auf viele weiße Flecken dieser Erde als Erster seinen Fuß setzen zu können. Die Schaumrolle brachte sogar besonderes Glück: Hermann Buhl – der 1957 verunglückte zweite Mensch, dem die Erstbesteigung von zwei Achttausendern gelungen ist – wird auf ihn aufmerksam und lädt ihn ein, an der Expedition zum Broad Peak teilzunehmen. Einem Achttausender, den Diemberger mit Buhl, Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller erstbesteigen sollte – auch wenn das Team am vermeintlichen Gipfel erkennen muss, dass daneben ein noch höherer in den Himmel ragt, da der Broad Peak – wie man heute weiß – aus drei Gipfeln besteht. Am 9. Juni 1957 stehen die vier jedoch am richtigen Gipfel, ein Bravourstück, das im Westalpenstil, ohne Hochträger, ohne künstlichen Sauerstoff gelungen ist.

Ein Grenzgang, den Diemberger so greifbar beschreibt, dass man die dünne Luft spürt. Dazu tragen auch die zahlreich eingestreuten Tagebucheinträge von damals bei und die zum Teil erstmals veröffentlichten Fotos.

Dhaulagiri, der zweite Achttausender, den der 80-Jährige als Erster betritt. Geliebte Menschen, die in seinem Beisein am Berg sterben. Diembergers Abenteuer als Kamera- und Filmmann. Seine schweren Erfrierungen samt Fingeramputation.

In „Unterwegs zwischen Null und Achttausend. Bilder aus meinem Leben“ erzählt Diemberger von den Meilensteinen in seinem Leben. Er liefert Erklärungen, warum er so oft im persönlichen Grenzbereich unterwegs war und was ihn an den Bergen, an den Menschen fasziniert. Ein Buch, das Bergbegeisterte verschlingen werden. Und die Diembergers Botschaft dann besser verstehen können, wenn er davon spricht, sich in den Bergen Zeit zu lassen.

Nicht weniger spannend verlief das Leben von Herbert Tichy, einem weniger bekannten Wiener Abenteurer und Bergsteiger. Legendär seine Reise in den 1930er Jahren mit dem Tiroler Max Reisch nach Indien – auf dem Motorrad. Legendär seine Reisen in Nepal, seine Umrundung des heiligen Berges Kailash in Tibet.

Diemberger und Tichy, da gibt es auch Parallelen: Denn dem 1912 Geborenen gelingt ebenfalls die Erstbesteigung eines Achttausenders. Am 19. Oktober 1954 steht Tichy u. a. mit dem Tiroler Sepp Jöchler als Erster auf dem Cho Oyu, wo er wie Diemberger schwere Erfrierungen erleidet.

Das Buch zum 100. Geburtstag von Tichy be- inhaltet die Abenteuer des studierten Geologen, der später als Reiseschriftsteller tätig war, aber auch die Person dahinter. Was die Annäherung an einen wahrhaft mutigen Menschen erleichtert, sind die Beiträge von Menschen, die Tichy noch erlebt haben. Und die sich z. B. über eine Figur auf seinem Schreibtisch wunderten – es war der Finger, der Tichy nach dem Cho Oyu abgenommen werden musste und der nach seinem Tod 1987 in Tibet vergraben worden ist.

Abenteuer erlebt auch Stephan Keck immer wieder. Der in Kramsach lebende Bergführer kennt viele Berge dieser Welt – auch Achttausender –, hat sie als Privatmensch und als Expeditionsleiter erfahren dürfen. Sein bergsteigerisches Idol ist Hermann Buhl, der am Nanga Parbat auf 8000 Metern an der Wand stehend biwakiert hat. Keck kommt am Mount Everest in eine Extremsituation, gesundheitliche Probleme zwingen ihn zum Umkehren, ein Freund stirbt.

Und dann ist da noch Kecks Familie: Ehefrau Anita, die Kinder Sina und Silas. Sie sind immer wieder bei den Abenteuern des Partners, des Vaters mit dabei – etwa bei der 17.000-Kilometer-Autofahrt durch Afrika.

In „Solo mit Familie. Abseits vom Normalweg. Ein Leben als Familienmensch und Extrembergsteiger“ sind diese Abenteuer aufgelistet, teils in Ichform, teils in Interviewform. Ein Buch, das die Gratwanderung zwischen Berg und Familie beschreibt, was auch Diemberger kennt.

Nicht umsonst dankt der 80-Jährige in seinem Buch vor allem seiner Frau. „Ohne Teresas Verständnis, die mir die Freiheit nicht nahm und mich immer wieder ziehen lässt, ginge es nicht, aber auch nicht ohne hohe Ziele.“ Womit alles gesagt ist.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 17.05.2012
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