Auf einen Blick Tirol verstehen
Tirol war immer schon teuer – Weizenpreise im 19. Jahrhundert
Von Christian Willim
Innsbruck – Statistiken soll man ja nur glauben, wenn man sie selbst gefälscht hat. Und das gilt im Prinzip wohl auch für ihre bildliche Darstellung. „Natürlich kann man mit Grafiken theoretisch auch manipulieren“, gesteht Josef Nussbaumer ein. „Aber sie sind auch ein einfaches Mittel, um Sachverhalte so darzustellen, dass man sie auf einen Blick versteht.“
In zweijähriger intensiver Arbeit hat der Ökonom und Wirtschaftshistoriker von der Uni Innsbruck 16.000 auf Tirol bezogene Einzeldaten bearbeitet. Das Ergebnis ist das Buch „Die Graphen von Tirol“. Die 320 Schautafeln darin ergeben ein facettenreiches Bild von Tirol, das etliche Überraschungen liefert. Die resultieren zum Teil aus dem Zusammenführen von Daten, die an sich nicht in direktem Zusammenhang stehen. Oder wer hätte schon gedacht, dass jene Fläche, die Tirols Golfplätze einnimmt, größer als jene ist, die dem Kartoffelanbau gewidmet ist?
Gemeinsam mit dem Telfer Betriebswirt Stefan Neuner, der für die Grafiken verantwortlich zeichnet, legt Nussbaumer den Fokus nicht nur auf die Gegenwart, sondern schaut immer wieder auch in die Vergangenheit des Landes. Rasante Entwicklungen werden so eindrücklich vor Augen geführt. „Anfang der 1960er-Jahre konnte sich noch niemand vorstellen, wie sich etwa die Motorisierung, der Tourismus und der Verkehr in Tirol in den darauffolgenden Jahrzehnten entwickeln werden“, so Nussbaumer.
In jene Zeit fällt auch der Zeitpunkt, zu dem der Dienstleistungssektor die Land- und Forstwirtschaft überholt. Waren Anfang des 20. Jahrhunderts noch 56 Prozent der Tiroler Bevölkerung Bauern, waren es 2001 gerade noch 2,8 Prozent. Der Anteil jener Personen, die in einem Dienstleistungsbetrieb arbeiten, hat sich im selben Zeitraum auf 70 Prozent hochgeschraubt. „Das ist an sich eine für Mitteleuropa typische Entwicklung“, versichert der 60-jährige Wirtschaftshistoriker.
In der Rückschau werden aber auch viele Tiroler Eigenarten sichtbar und es wird klar, dass die daraus resultierenden Probleme auch schon vor über 150 Jahren die Menschen beschäftigt haben. Denn eine Statistik aus dem Jahr 1847 zeigt: Tirol war immer schon teuer. So war Weizen damals in keinem anderen Kronland teurer als hier. Agrarflächen sind in den Bergen eben rar – damals wie heute. Die einzige Lösung sind Importe.
Zwei Achsen und interessante Daten: Mehr ist an sich nicht nötig, um eine Grafik mit Leben zu füllen. „Die große Arbeit ist aber, an diese Daten überhaupt heranzukommen“, beschreibt Nussbaumer eine der großen Herausforderungen bei der Arbeit an diesem Buch. In dem fällt auf, dass immer wieder die TT als Quelle gedient hat. „Ohne die Tiroler Tageszeitung wäre das nicht möglich gewesen. Viele Zahlen werden erst zugänglich, wenn Journalisten sie von Pressekonferenzen mitnehmen und daraus eine Geschichte machen.“
Das gilt auch für Informationen von öffentlichen Stellen. Stefan Neuner sieht diesen schwierigen Zugang für die Allgemeinheit kritisch. „Wir überlegen darum, eine Art Tirol-Google zu machen.“ Zwar gebe es seit Kurzem eine Open-Data-Initiative des Landes Tirol, bei der alle öffentlichen Daten zugänglich gemacht werden sollen. Bislang sei das Angebot allerdings noch spärlich.







