12.08.2012
Wissen

Die heimlichen Tricks der Fahrgäste

Es ist das übliche Bild im Bus oder Zug: Alle Reihen sind besetzt, doch in jeder sitzt nur ein Fahrgast. Eine Soziologin hat beobachtet, wie sich Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln unerwünschte Sitznachbarn vom Leib halten.
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Neun Wege, den Nebensitz frei zu halten

Vermeiden Sie Augenkontakt mit Fahrgästen, die gerade den Bus betreten und nach einem freien Platz suchen.

Lehnen Sie sich gegen das Fenster und strecken Sie die Beine aus.

Stellen Sie eine große Tasche auf den Nebensitz.

Stapeln Sie auf dem freien Sitz neben sich einzelne Dinge. Niemand wird abwarten, bis Sie diese weggeräumt haben, sondern einen anderen freien Platz ansteuern.

Setzen Sie sich auf den Gangplatz und schalten Sie den iPod an. Nun können Sie so tun, als würden sie Reisende, die nach dem Fensterplatz fragen, nicht hören.

Schauen Sie mit einem starren Blick aus dem Fenster, so wirken Sie verrückt.

Täuschen Sie vor zu schlafen.

Legen Sie eine Jacke oder einen Mantel auf den Nebensitz. So hat es den Anschein, der Platz wäre bereits besetzt.

Wenn alles nichts nützt: Lügen Sie und geben Sie vor, dass der freie Platz neben Ihnen bereits besetzt sei.

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Kontaktfreudige Menschen haben es hier schwer: Ihr offener, neugieriger Blick bleibt unerwidert, ihre Bereitschaft, mit ihrem Sitznachbarn ins Gespräch zu kommen und sich so die Fahrt freundlich plaudernd zu verkürzen, findet keine Beachtung. So bleibt es meist bei einer Frage: „Ist hier noch frei?“ Diese ist auch notwendig, denn die einzelnen Plätze, auf denen noch niemand sitzt, sind häufig ebenfalls belegt: Auf ihnen haben die Fahrgäste ihre möglichst große Tasche, Jacke oder Mantel deponiert. Wer nichts davon mit dabei hat, versucht mitunter sogar mit Körpereinsatz – schräg sitzend und mit ausgestreckten Beinen –, seine zuvor erhaschte Zweierreihe zu blockieren und sich so womöglich lästige Sitznachbarn vom Leib zu halten.

Gerade eingestiegene Passagiere, die sich von diesem abschreckenden Verhalten nicht beeindrucken lassen, müssen sich häufig mit einem gelangweilt-genervten Blick als Antwort begnügen. Er sagt aus: „Wenn es unbedingt sein muss ...“ Mitunter ist aber auch das noch zu viel verlangt, denn die meisten haben Kopfhörer in den Ohren und scheinen gar nichts zu hören. Aber auch nichts zu sehen, denn die Blicke sind starr auf iPod oder Fenster gerichtet. Aus ihrer demonstrativen Lethargie gerissen, nehmen sie Tasche oder Jacke schließlich doch noch an sich und machen Platz, wenn auch sichtlich ungern.

Abstand halten, bloß mit niemandem sprechen müssen, seine Ruhe haben: Das beschriebene Verhalten der Fahrgäste in Tiroler Bussen oder Zügen scheint kein regionales Phänomen zu sein. So hat die amerikanische Soziologin Esther Kim von der Yale University im US-Bundesstaat Connecticut die gleichen Strategien beobachtet. Für eine wissenschaftliche Studie fuhr sie zwei Jahre lang in Greyhound-Überlandbussen durch die Vereinigten Staaten und ging dabei dem asozialen Verhalten der Pendler auf den Grund. Tausende Meilen reiste sie kreuz und quer durch die Bundesstaaten und beobachtete dabei Menschen und ihre immer gleichen Versuche, den Platz neben sich frei zu halten. Der viel beachtete Bericht „Nonsocial Transient Behavior: Social Disengagement on the Greyhound Bus“ wurde in dem Magazin Social Interaction veröffentlicht und sorgte landesweit für Diskussionen. Medien griffen das Thema auf, zahlreiche Menschen fühlten sich in ihren persönlichen Beobachtungen bestätigt oder gaben ihre eigenen, heimlichen Tricks bekannt.

Kim kommt zum Schluss, dass es den Fahrgästen einerseits um ihre Privatsphäre geht, dass aber auch die Angst vor möglicherweise gefährlichen Fremden oder Verrückten eine Rolle spielt. In den Überlandbussen kommt es immer wieder zu gefährlichen Übergriffen. Vor diesem Hintergrund scheint es verständlich, wenn Fahrgäste neu Zugestiegene abweisend und sogar feindselig anstarren oder – ein weiteres erfolgreiches Abschreckungsmanöver – selbst versuchen, irre zu wirken. Esther Kim hat die verschiedenen Strategien zusammengefasst, siehe Box.

Hierzulande hält sich die Angst vor gefährlichen Verrückten wohl in Grenzen, wollen sich Fahrgäste bestenfalls vor der Frau mit dem großen, vom Regen feuchten Hund oder dem etwas beleibteren Herrn schützen. In einer zunehmend anonymen Welt versuchen viele aber auch, sich selbst auf engem öffentlichen Raum ihre Privatsphäre zu sichern. Doch spätestens zu Stoßzeiten helfen weder verschlossene Gesichter noch Taschen. Im überfüllten Bus haben Menschen, die sich gerne breitmachen, keine Chance. Helfen nur noch Lügen, wie eine Kollegin erzählt, die sich an ihre Schulzeit erinnert: „Da hat einfach jemand behauptet, der Platz sei schon besetzt.“

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 12.08.2012
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