09.09.2012
Interview mit Jane Goodall

„Schimpansen zeigen uns, wie viel Tier in uns steckt“

Wenn es um die Rettung der Erde geht, baut die renommierte Verhaltensforscherin Jane Goodall auf den menschlichen Verstand. Trotz allem. Von dieser Hoffnung will sie sich nicht abbringen lassen.
Von Liane Pircher

Als Jane Goodall 1960 in den Dschungel ging, um Schimpansen zu studieren, war sie der erste Mensch, der so etwas tat. Fast 30 Jahre verbrachte sie im Busch. Ihre Forschungsergebnisse machten deutlich, wie ähnlich der Mensch dem Schimpansen wirklich ist. Bei einem kürzlichen Tirol-Besuch gab die 78-Jährige ein Interview.

Frau Goodall, Sie sagen, dass wir aufhören müssen, die Erde weiter zu zerstören, wie wir es momentan tun. Machen Sie in der Verantwortlichkeit hier einen Unterschied zwischen den reichen Industrie-ländern, die die Erde in ihren Ressourcen besonders schröpfen, und dem armen Afrika?

Jane Goodall: Ja und nein. Das wäre die falsche Herangehensweise an die vielen Probleme. Im Prinzip geht es auf der ganzen Welt um dasselbe: Darum, dass Menschen verstehen, was wir anrichten. Wir sind die intelligentesten Wesen auf diesem Planeten, wir waren auf dem Mond und lassen Roboter auf dem Mars herumspazieren. Wenn wir das alles können, dann dürfte es wohl nicht so schwierig sein, unseren Intellekt einzusetzen, um mit der Zerstörung der Erde aufzuhören. Ob ich diese Botschaft in Afrika oder Amerika verbreite, macht keinen Unterschied.

Und dabei glauben Sie tatsächlich an die Kraft des Einzelnen?

Goodall: Ja. Jeder einzelne von uns kann jeden Tag etwas tun.

Ist dieser Ansatz angesichts der Komplexität der Welt nicht naiv?

Goodall: Es ist die einzige Möglichkeit, wirklich etwas zu bewegen. Ein ökonomisches Modell von unbegrenztem Wirtschaftswachstum auf einem überbevölkerten Planeten mit begrenzten Ressourcen kann nicht funktionieren. Zum Glück gibt es auf der ganzen Welt schon viele Menschen, auch Geschäftsleute, die so denken. Jetzt geht es darum, die kritische Masse zu erreichen. Wir haben mit sechs Studenten in Gombe unser Umweltprogramm für Kinder und Jugendliche gestartet. Heute haben wir 16.000 Gruppen. Man kann wirklich jeden Tag etwas tun. In Gombe zum Beispiel haben wir mit den Menschen geredet, als klar war, dass die Schimpansen immer gefährdeter wurden. Wir wussten, dass es den Schimpansen nur dann gut gehen kann, wenn es auch den Menschen dort gut geht.

Was haben Sie getan?

Goodall: Wir wollten, dass sie aufhören zu töten. Das Jagen ist aber Teil der Kultur dieser Menschen. Man kann nicht einfach sagen: So, und jetzt esst ihr kein Buschfleisch mehr. Wir starteten ein Programm, das Alternativen bot: Wir kauften Hühner. Da gab es zum Beispiel einen 15-Jährigen, der dann mit dem Züchten von Hühnern begann. Sein Onkel – ein alter Jäger – lachte ihn zuerst aus. Als er aber sah, dass es die weit einfachere und finanziell attraktivere Arbeit als das Jagen von Wildtieren war, begann auch er, Hühner zu züchten. Letzten Endes stellten 75 Jäger auf Hühner um.

Sie haben Ihr Leben komplett geändert, sind von der Wissenschafterin zur Aktivistin geworden und reisen mit 78 Jahren an 300 Tagen um die Welt. In allen Büchern über Sie steht aber, dass Sie in Gombe bei Ihren Schimpansen am glücklichsten waren. Warum haben Sie Afrika gegen Jetlag, Hotelzimmer und Kongresssäle eingetauscht?

Goodall: Ja, in Gombe war ich unglaublich glücklich. Ich habe dort meinen Traum gelebt. Aber irgendwann habe ich verstanden, dass sich die Welt dort draußen verändert. Ich wäre viel lieber im Dschungel, aber ich habe mich für ein Leben als Aktivistin entschieden. Ich will die Chance nützen, etwas zu tun und Menschen zum Umdenken zu bewegen. Vor lauter Kapitalismus haben viele die Verbindung zwischen Herz und Hirn verloren. Mein Leben ist anstrengend, aber es macht Sinn. Und der Jetlag existiert nur im Kopf.

Wenn Sie in Gombe sind, kennen die Schimpansen Sie da noch?

Goodall: Ja, die Oldtimers kennen mich. Aber die meisten meiner Freunde sind tot. Das ist die dritte Generation, die dort lebt. Die Jüngeren kennen mich nicht mehr. Wenn ich im „Gombe Stream Research Centre“ sein kann, ist das aber auch heute eine besonders wertvolle Zeit für mich.

Meinen Sie, dass wir von den Schimpansen etwas lernen sollten?

Goodall: Mich hat immer wieder fasziniert, wie liebevoll die Mütter mit ihren Kindern umgehen. Sie haben eine sehr enge Bindung zu ihren Babys. Außerdem bekommen sie nur maximal drei Kinder in einem Leben. Davon sollten wir Menschen uns angesichts der Überbevölkerung der Welt auch etwas abschauen.

In Ihren Büchern beschreiben Sie Schimpansen aber nicht nur als nette Tiere – sie können auch kämpfen, ja morden.

Goodall: Ja, das hatte mich damals geschockt, weil ich dachte, dass Affen wie wir Menschen sind, nur liebevoller. Aber sie können auch brutal sein. Wie wir Menschen eben auch. Im Prinzip ist die Grenze zwischen uns und den Schimpansen viel verschwommener und unklarer, als wir denken. Und eigentlich ist es auch so, dass die Schimpansen uns zeigen, wie viel Tier in uns steckt.

Darf man Tiere töten?

Goodall: Nicht ohne Grund und in der Masse.

Essen Sie Tiere?

Goodall: Nein. Wer einmal gesehen hat, wie industrialisierte Massentierhaltung funktioniert, isst gerne kein Fleisch.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 09.09.2012
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