Liebe und Sex: Jeder Zweite ist unzufrieden
Von Carmen Baumgartner
Wien – Die sexuelle Revolution ist schon ein paar Jahrzehnte her – und doch gibt es hierzulande in der Bevölkerung ein großes Informationsmanko – vor allem beim Thema Verhütungsmittel. Außerdem ist jede/r zweite Österreicher/in mit seinem/ihrem Liebesleben bzw. mit seiner/ihrer Beziehung unzufrieden. Das sind nur zwei Ergebnisse einer repräsentativen Studie (knapp 700 Befragte im Alter von 20 bis 48 Jahren), die am Dienstag im Vorfeld des ersten österreichischen Sexualkongresses, der übernächstes Wochenende in Wien stattfindet, vorgestellt worden ist.
64 % der Befragten fühlen sich demnach nicht sehr gut über das Angebot an Verhütungsmitteln informiert, 18 % sogar weniger bis gar nicht gut darüber aufgeklärt. „Das Angebot an Verhütungsmitteln ist sehr groß, vermutlich verwirrt die große Auswahl“, schätzt der Hormonspezialist und Gynäkologe Johannes Huber. Er berichtete von einem „Wunsch nach Individualisierung“ der Verhütung, den die modernen Antibabypillen bieten würden. Obwohl in den letzten Jahren viele Möglichkeiten hinzugekommen sind (z.B. das Hormonpflaster oder Implanon) stehen die Pille (31 %) und das Kondom (23 %) nach wie vor an der Spitze der verwendeten Verhütungsmittel. Nur knapp 19 Prozent gaben an, dass für sie der Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten ausschlaggebend für die Wahl des Verhütungsmittels ist. Für Huber Anlass, noch mehr Informationsarbeit zu leisten. „Empfängnisverhütung bedeutet nicht automatisch Schutz vor Infektionskrankheiten“, betonte er.
Dass 52 Prozent nicht zufrieden mit ihrem Liebesleben sind, überrascht die Sexualexpertin Gerti Senger (sie hat auch die Patronanz des Kongresses übernommen) überhaupt nicht. „Die Menschen, die zu mir in die Praxis kommen, sagen, sie sind unzufrieden – und nicht, dass sie sich nach mehr Bindung sehnen, worum es aber eigentlich in den meisten Fällen geht.“ Auf die Frage, was am wichtigsten bei einem Leben zu zweit ist, liegen gemeinsame Werte (88 Prozent) vor einer liebevollen Beziehung (72 %) und wirtschaftlicher Stabilität (56 %). Erst an vierter Stelle steht mit 35 Prozent die Sexualität. „Wir müssen eine Beziehungskultur fördern, die es auch ermöglicht, angstfrei über Verhütung zu sprechen“, sagt Senger. Ihrer Ansicht nach spielt sich Sexualität heute „im Fadenkreuz von Angst und Wunsch ab“, wobei das Bedürfnis nach Sicherheit größer denn je sei.
Kritisch äußerten sich Huber und Senger außerdem zu einer fehlenden Abtreibungsstatistik in Österreich. Genaue Zahlen und Infos würden fehlen, Österreich liege aber bei den Abtreibungen in Europa an der Spitze (geschätzt).
Bedenklich sei auch der Trend zu „Single woman pregnancy“ – Frauen, die bewusst ein Kind ohne Mann aufziehen wollen. Senger: „Männliche Bezugspersonen fehlen leider sehr häufig. Ein Hoffnungsaspekt sind aber die so genannten neuen Väter.“



