Die Toskana ohne Italiener
Innsbruck – Castelfalfi hat alles, was sich Toskanaliebhaber erwarten: Olivenhaine, Weinberge, Zypressen und Pinienwälder – und das eingebettet in die für diese italienische Region so typische malerische Hügellandschaft. Doch an einem mangelt es dem kleinen Örtchen, das mitten im Dreieck zwischen Florenz, Siena und Pisa auf einer Anhöhe thront: Italienern.
Die Landflucht, ein weltweites Phänomen, macht eben auch vor jenen Gegenden nicht Halt, die für Reisende den Status des Paradiesischen einnehmen. Gerade mal zwei Personen wohnten 2007 noch in dem alten Dorfkern, als die TUI – der größte europäische Reisekonzern – den ganzen Ort gekauft hat. Ein exklusives Ferienparadies wurde geplant. Die Wirtschaftskrise und ein mehrjähriger Genehmigungsmarathon haben das Projekt aber immer wieder verzögert.
Ein 18-Loch-Golfplatz wurde bereits im vorigen Herbst fertig gestellt. Jetzt erfolgte der offizielle Startschuss durch die TUI. In Phase eins sollen ein Boutiquehotel und Appartements auf dem elf Quadratkilometer großen Areal entstehen. Die 26 verfallenen Bauernhäuser des Ortes sollen zu exklusiven Landhäusern umgewandelt werden. In Phase zwei sind dann zwei weitere Hotels geplant. Die vorläufigen Investitionen belaufen sich auf 250 Millionen Euro. Die Wohnungen und Ferienhäuser sollen zum Teil verkauft und die Hotels auch an andere Betreiber vergeben werden. Die Immobilien werden international vermarktet. Nur eines dürfte trotz aller Anstrengungen schwierig in die „Tenuta di Castelfalfi“ zurückzuholen sein: echtes italienisches Dorfleben. Nur noch ein Einheimischer lebt heute auf dem Anwesen.
„Den ganz klassischen italienischen Dorfcharakter hat man natürlich nur in einem Ort, in dem auch Italiener leben“, gesteht TUI-Österreich-Chef Josef Peterleithner ein. „Aber die Geschäfte und Restaurants werden von Einheimischen geführt und die dörfliche Struktur mit Kirche usw. bleibt erhalten. Außerdem werden die Immobilien auch auf dem italienischen Markt angeboten. Hier gibt es sicher ebenso Interessenten.“
Für Leonardo Campanelli, den Direktor der Italienischen Zentrale für Tourismus in Wien, ist das Projekt ein Segen für die Region: „Wenn ein so renommierter Reisekonzern wie die TUI investiert, kann uns das als Touristiker nur glücklich machen.“ Neu ist die Idee laut Campanelli nicht: In der Region Friuli gibt es bereits ähnliche Konzepte – die so genannten „alberghi diffusi“ –, die verwaiste Ortschaften wiederbeleben sollen. Von einem Ausverkauf der Heimat will er nichts wissen: „Es werden dafür ja keine Einheimischen vertrieben.“ (ksi, chw)



