„Sex interessiert mich nicht!“
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Rambazamba
Von wegen Blümchensex: Während sich selbst Marienkäfer der Fleischeslust hingeben, ist die Libido bei den Asexuellen nicht ausgeprägt. Fotos: Shutterstock
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Woher kommt unser Sexualtrieb?
Der Ursprung des Sexualtriebs: Dazu gibt es unterschiedliche Lehrmeinungen. Die Freud‘sche Psychoanalyse charakterisiert den Sexualtrieb als eine Anlage, die jeder Mensch – wie den Selbsterhaltungstrieb – mitbringt. Je nach kulturellem und gesellschaftlichem Umfeld wird der Sexualtrieb geformt (z. B. Was darf ich? Was darf ich nicht?).
Andere – umstrittene – Schulmeinungen gehen davon aus, dass der Sexualtrieb etwas Erlerntes ist. Auf jeden Fall gilt der Sexualtrieb als innere Antriebskraft, ein inneres Ungleichgewicht, das nach Befriedigung drängt.
Die Libido: Als Libido wird die Energie (die Antriebskraft) des Sexualtriebs bezeichnet, die unterschiedlich stark ausgeprägt ist. „Bei Asexuellen scheint die Realisierungslust der genitalen Sexualität, die in der Pubertät entwickelt wird, nicht ausreichend libidinös besetzt zu sein“, meint der Innsbrucker Sexualwissenschafter Josef Aigner. Freud sagt, dass schon Kinder sexuelle Wünsche haben, wenn auch andere, als sie sich Erwachsene vorstellen.
Partnerschaft ohne Sex: In unserer Kultur wird Sexualität oftmals auf genitalen Sex reduziert. Aber auch Berührungen und Gespräche können erregend sein. Im Alter nimmt die Libido in den meisten Fällen ab.
Von Kathrin Siller
Matthias Groß (Name geändert) hat vor 14 Jahren mit dem Thema Sex abgeschlossen. Mit drei Menschen, zwei Frauen und einem Mann, hat der 30-jährige Stuttgarter als Teenager geschlafen. „Geschirr abspülen ist dagegen der reinste Hochgenuss“, erinnert er sich an das technische Pflichtprogramm im Bett. „Schon in der Pubertät habe ich gemerkt, dass etwas komisch ist. Ich hatte wie meine Freunde auch eine Freundin, aber der Hit war das nicht. Im Sommer 1997 habe ich mit der Sexualität endgültig Schluss gemacht. Den Begriff Asexualität lernte ich erst Jahre später kennen“, sagt Groß im TT-Gespräch.
Zu seiner Asexualität zu stehen, war für den Deutschen keine Selbstverständlichkeit. Groß arbeitet in der Finanzbranche, Männlichkeit zu demonstrieren – mit einem großen Auto und einer Frau – sei unter seinen Arbeitskollegen ein ungeschriebenes Gesetz. Auf Dienstreisen ging Groß mit den anderen in Stripclubs – um keinen Verdacht zu erregen, bekennt er heute. Aber Brüste und Hintern beeindruckten ihn nicht. „Ich beurteile Frauen nicht nach Äußerlichkeiten, mir fällt das einfach nicht auf.“ Als Außenseiter fühlte er sich aber trotzdem nie. „Als Teenager habe ich mich mit einer lesbischen Freundin zusammengetan, die einen Alibifreund suchte“, spricht er heute von einem Glücksfall, denn die Scheinbeziehung beruhigte seine Eltern. Die wissen bis heute nichts von seiner Orientierung. „Was ich in meinem Schlafzimmer tue oder nicht tue, ist meine Privatsache. Und meine Familie würde das sowieso nicht verstehen“, hat er mit einem möglichen Coming-out abgeschlossen. „Ich will mich nicht rechtfertigen müssen. Denn bei Asexuellen heißt es gleich: ‚verklemmt, schlechte Erziehung, sexueller Missbrauch‘.“
„Erfrischend und unspektakulär“ war das Outing hingegen für die 26-jährige Sabrina Haas. Anvertraut hat sie sich ihrer Mutter und einer Handvoll Freunden. „Die erste Reaktion war: ‚Du bist was?‘ Nach einer kurzen Erklärung haben alle verständnisvoll genickt, noch einmal nachgehakt und gut war‘s“, zeigt sich die Frau aus Worms entspannt. In der Arbeit wird sich Haas allerdings nicht outen. Sie arbeitet in einer sozialen Einrichtung und glaubt, dass eine andersartige Sexualität von Nachteil sein könnte.
Wie Groß und Haas ist etwa ein Prozent der Bevölkerung asexuell. Genaue Studien gibt es nicht. „Wie für den gesamten Bereich der Sexualität herrscht auch beim Thema Asexualität Forschungsnotstand“, weiß der Innsbrucker Sexualwissenschafter Josef Aigner. Als eine sexuelle Störung will der Experte die Asexualität nicht definieren: „Es gibt so viele verschiedene Formen der Sexualität, dass ich mit Begriffen wie ‚Störung‘ oder ‚Krankheit‘ sehr vorsichtig bin.“ Luststörungen haben nämlich Gründe, die sich in Therapien gut verfolgen lassen. Die Asexualität hingegen gilt als Orientierung, die bei den Betroffenen im Grunde schon angelegt ist, auch wenn sie oft erst später entdeckt wird.
Aigner glaubt sogar, dass die „Genitalfixiertheit“ unserer heutigen Gesellschaft, also Sex nur auf die genitale Vereinigung zu reduzieren, ebenso als „gestört“ bezeichnet werden könnte. „Im Vergleich zu anderen Kulturen haben wir eine jämmerliche Sexualkultur, die oft nur aus Rammeln und Rambazamba besteht.“ Die Asexualität sei ein interessantes Spiegelbild zu einer Gesellschaft, wo Genitalität total überbewertet werde und andere Formen der Sexualität zu kurz kommen.
Die Vorstellung, dass zwei Partner ihre Liebe vor allem durch Sex und Leidenschaft ausdrücken müssen, teilen Asexuelle natürlich nicht: „Zu einer Beziehung gehören 1000 kleine Gesten, das muss nicht alles so überschäumend sein“, ist Groß überzeugt.
Haas zeigt ihre Gefühle, wie wohl die meisten ihre Zuneigung außerhalb eines sexuellen Rahmens ausdrücken: „Mit Zuhören, Loyalität, kleinen Geschenken und Gefälligkeiten, Umarmungen, Unterstützung in der Not und dem Teilen von Freude in guten Zeiten. Zudem koche und bekoche ich sehr gern. Auch Essen ist ein sinnliches Erlebnis, mit dem man seine Mitmenschen beglücken kann.“
Einige Wissenschafter sehen in der Asexualität sogar eine Art Widerstand gegen eine übersexualisierte Welt. Die Menschen beginnen, sich unbewusst gegen das Diktat des ständigen „Sexyseins“ und der Pornofizierung zu wehren. Viele Asexuelle sprechen deshalb gerne öffentlich und stolz über ihre Orientierung. Unter ihnen sind sogar zahlreiche Männer, obwohl gerade das männliche Rollendiktat in großem Widerspruch zur Asexualität steht.
In dem Asexuellen-Forum www.asexuality.org, in dem auch Groß und Haas zu finden sind, treffen sich Gleichgesinnte. „Ich genieße die anregenden Diskussionen und den Smalltalk. Auch wenn mich Sex nicht stört, ist es schön, einen geschützten Rahmen zu haben, in dem man sich offen über ‚Nonsex‘ austauschen kann“, erklärt Haas.
Asexuelle schließen partnerschaftliche Beziehungen übrigens nicht aus. Groß zum Beispiel wünscht sich sogar Kinder – unter einer Voraussetzung: „Eine stabile Beziehung, denn Kinder brauchen beide Eltern. Ich müsste mit meinem Partner geklärt haben, dass nie etwas laufen wird.“ Sabrina Haas hatte bislang einige kurze Beziehungen. „Keiner meiner Partner war asexuell. Und im Bereich der Sexualität Kompromisse zu schließen, ist eben kompliziert. Es muss immer einer zurückstecken oder beide.“
Für Groß wäre es akzeptabel, wenn sich seine Partnerin die Erotik außerhalb der Beziehung holen würde, Haas könnte das nicht tolerieren. Aigner hält von sexuellen Kompromissen nichts: „Ich würde Asexuellen wünschen, dass sie einen Gleichgesinnten treffen und dann liebevoll miteinander umgehen.“



