16.09.2011
Reise

Die Rückkehr ins gottverlassene Paradies

Die blutigen Unruhen im vergangenen Jahr und der Tsunami von 2004 setzten Thailand arg zu. Langsam erstrahlt das Land in altem Glanz.
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Reise-Informationen

Reisezeit: Täglich blauer Himmel und für die Region verhältnismäßig angenehme Temperaturen gibt es in Thailand zwischen Oktober und Februar. Extrem heiß wird es ab März mit bis 40 und manchmal auch 45 Grad. Die Monsunzeit dauert von Juni bis Oktober.

Anreise: Direktflüge (hin und retour) werden von München nach Bangkok ab 500 Euro angeboten. Von der Hauptstadt aus in den Süden gibt es Billigflieger ab 50 Euro.

Taxis: Seit Kurzem sind viele Taxis in Bangkok mit einem Taxameter ausgestattet. Ansonsten muss der Fahrgast verhandeln – nicht immer erfolgreich. Auf kurzen Strecken sind die dreirädrigen, lauten und stinkenden Motorräder mit dem Namen Tuk Tuk eine Alternative.

Von Matthias Christler

Bangkok – Der Taxifahrer Suthep Phunenggklandee schlängelt sich durch Bangkoks Straßenschluchten, dann deutet er auf eine Kreuzung vor ihm: Dort sei er gestanden, damals vor einem Jahr, in einem roten Hemd. Ihm gegenüber Männer in Militär­uniformen mit Maschinengewehren. Suthep hupt. Ein Moped hat ihn geschnitten. Er holt tief Luft, sein neues weißes Hemd spannt sich noch fester um seinen Bauch und er seufzt unter seinem Schnurrbart heraus: „Wir gewinnen.“ Er meint die Wahlen in wenigen Tagen, die den Umbruch im Land vollenden. Bei den Unruhen 2010 starben fast 100 Menschen, Tausende wurden verletzt, Gebäude standen in Flammen, der Flughafen und das Geschäftsviertel waren besetzt.

650 Kilometer weiter im Süden lenkt Ajahn sein Taxiboot an der Küste von Phi Phi Island entlang. Im türkisblauen Meer vor ihm schwimmen Fische kreuz und quer, als hätten sie Spaß daran, sein Boot ständig zu schneiden. Er kurvt um einen der Kalksteinfelsen, die hoch wie ein Wolkenkratzer aus dem Wasser ragen. An der Seite hängen Dschungelpflanzen von dem Felsen, als wären Trauerweiden angepflanzt worden. „Dort“, sagt Ajahn und zeigt den zwei Rucksacktouristen einen Strand. Der Tsunami am 26. Dezember 2004 fegte über die Ton Sai Bucht. Insgesamt kamen 700 Bewohner der Insel ums Leben, 1000 werden immer noch vermisst. Viel mehr kann Ajahn auf Englisch nicht erzählen. Still starrt er über die hohen Wellen hinweg.

Thailand stand im vergangenen Jahr kurz vor einem Bürgerkrieg. Vor sieben Jahren wurde der Süden des Landes vom Tsunami gestreift, einige Trauminseln verwüstet. Thailand büßte wegen beider Ereignisse Touristen ein. Langsam kehrt wieder Ruhe nach den Stürmen ein.

Ajahn legt die Hände wie bei einem Gebet zusammen und senkt seinen Kopf. Mit dem Wai, dem thailändischen Gruß, verabschiedet er sich von seinen Fahrgästen. Je höher die Hände in die Luft ragen, umso mehr Respekt bringt ein Thailänder seinem Gegenüber entgehen. Ajahns Hände ragen fast in den Himmel. „Danke“, sagt er mit einem Lächeln. Langsam pendelt sich der Tourismus wieder auf dem Niveau früherer Jahre ein. Vor dem Tsunami wurden die Insel Phi Phi Don und ihre kleine, unbewohnte Nebeninsel Phi Phi Leh von Urlaubern gestürmt. In den 80er-Jahren verirrten sich die Rucksacktouristen in das Tropenparadies am südlichen Ende von Thailand. Fünf Jahre danach wurden die ersten Bungalows in den abgelegenen Buchten errichtet. Auch wenn sich jetzt Hotelburgen zwischen den Palmen drängen, hat Phi Phi immer noch seinen Reiz. Ein Grund dafür ist, dass es keine Straßen auf der Insel gibt und jeder Weg mit dem Boot zurückgelegt wird. Wird Phi Phi bald wieder überlaufen sein? Ja. Bleibt die Insel eine der schönsten im asiatischen Raum? Ja, sicher.

Ajahn zieht den Anker ein und lässt die Rucksacktouristen am nördlichsten Strand der Insel mit Taucherflossen und -brillen zurück. Die Korallenriffe sind zur Hälfte abgestorben. Nur vereinzelt steckt noch Leben in ihnen. Sie sind das Einzige, das sich nicht mehr erholen wird. Am Strand wachsen die Palmen zu einem dichten Urwald wie damals zu. Die Hotels haben ihre Strandrestaurants wieder aufgebaut und sie bieten Ausflüge zu den zahlreichen noch kleineren, noch unberührteren Inseln in der Region an. Taxibootfahrer wie Ajahn bringen Pärchen zu Buchten, in denen sie in völliger Stille im Schein von vier Fackeln abendessen. Das Meer ist nur eine kleine Zehenlänge entfernt.

Ein Paradies. Das Paradies. Unaufhaltsam kommen jedem, der dort sein darf, solche Gedanken. Und nicht zu verhindern ist, dass jeder sofort an den Film „The Beach“ denkt. Leonardo DiCaprio taucht am Anfang in diesen Traum ein, der in einem Albtraum endet. Dieser Film trug seines dazu bei, dass die Inseln kein Geheimtipp blieben. Australische, amerikanische und asiatische Touristen stiegen sich in der Hochsaison auf die Füße. In der Nebensaison – der Monsunzeit, in der trotzdem oft kein Tropfen Regen fällt – versprühen die Inseln in der Andamanensee den Charme früherer Tage: einsam, naturbelassen.

Gottverlassen. Wieder zurück in Bangkok, das auch Sündenbabel genannt wird, in einer bestimmten Straße. „Was zum Teufel soll an der Khao San Road so verflucht gottverlassen sein?“, ärgert sich die Hauptfigur in der Buchvorlage zu „The Beach“ über den Autor eines Reiseführers. Nach dessen Bericht wurde die Khao San Road am Rande von Bangkoks Innenstadt genauso gestürmt wie die Inseln im Süden. Menschenmassen. Kein anderer Ort der Welt zieht so viele Rucksacktouristen an. Wer in Bangkok nicht weiß wohin, steuert zuerst die Khao San Road an: den Übergang der westlichen zur asiatischen Welt. Die inoffizielle Amtssprache ist Englisch und McDonald‘s oder Burger King verdrängen die typischen Garküchen, an denen alte Thailänderinnen höllische Gewürze in Reis, Nudeln und Suppen reiben. Manche finden die Straße ordinär, andere lieben es, auf den nur 400 Metern jede halbe Minute von einem Verkäufer angequatscht zu werden.

Gesündigt. Neben einem Mönch in seiner safranfarbenen Robe sitzt ein Tourist und kippt ein Bier nach dem anderen hinunter. Obwohl an diesem Wahl-Wochenende ein Alkoholverbot gilt, liegen Dutzende leere Flaschen der Marke Chang in der Gosse. Bangkok, von allen guten Geistern und Göttern verlassen.

Nicht zu verbieten, auch wenn es einige Politiker versucht haben, ist das Rotlichtviertel Patpong. Einige Touristen wollen sich am nächsten Tag beim Erawan Schrein von ihren Sünden reinwaschen. Götter, Geister und Dämonen sollen an dieser Kreuzung mitten in der Stadt hausen. Am Schrein, oft eingehüllt von einer dichten Wolke aus Weihrauch und umrahmt von einem Blumenmeer, bitten die Sünder um Vergebung. Im Wat Pho, dem ältesten Tempel der Stadt, erstarren auch sündenfreie Touristen vor Ehrfurcht. Eine 45 Meter lange und 15 Meter hohe Buddha-Statue liegt dort. In der indischen Tradition befindet sich der liegende Buddha kurz vor dem Eintritt ins Nirwana, aber im thailändischen Glauben ruht er sich einfach aus. Das Treiben an der wenige Minuten entfernten Khao San Road hat auch Buddha zugesetzt.

Genug. Ein Taxi bleibt vor der Khao San Road stehen. Es ist Suthep Phunenggklandee. Wie groß ist die Chance, zwei Wochen nach dem ersten Halt in Bangkok und einem Trip ins Paradies wieder denselben Taxifahrer zu erwischen? Er freut sich. Es ist Anfang Juli. Bei den Wahlen hat seine Pheu-Thai-Partei einen klaren Sieg errungen. Yingluck Shinawatra, die Schwester des früheren, verbannten Premierministers Thaksin Shinawatra, wird bald die Regierungsspitze übernehmen. „Endlich wieder Ruhe“, sagt Suthep und hebt die Hände hoch zum Wai-Gruß.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Fr, 16.09.2011
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