19.04.2010
Gesundheit

Kiloweise Chemie im T-Shirt

Ökomode ist auf dem Vormarsch. Immer mehr Textilketten und Labels springen auf den grünen Zug auf. Die breite Kleidermasse ist aber nach wie vor chemiegetränkt.
Infobox

Ökologische und/oder faire Mode

Biobaumwolle: Steht das auf dem Etikett, kann man sich in der Regel darauf verlassen. Sie wird ohne Kunstdünger, Pestizide und mit möglichst geringem Wasserverbrauch produziert.

Soziale Gütesiegel gibt es einige. Einen guten Überblick bietet die Homepage www.cleanclothes.at.

Modemesse: Ökologische und faire Mode wird heuer vom 8. bis 10.10. bereits zum dritten Mal auf der Wearfair-Messe in Linz präsentiert. Infos unter www.wearfair.at.

Blog: Die Journalistin Kirsten Brodde bloggt auf www.kirstenbrodde.de zum Thema grüne Mode und gibt dort Konsumenten viele Tipps.

Von Christian Willim

Innsbruck – Cameron Diaz, Julia Roberts, George Clooney oder Brad Pitt. Hollywoodstars haben dem grünen Gewissen längst ein schickes Gesicht gegeben. Sie fahren Elektroautos, wohnen in Solarhäusern und gehen sogar in Ökoboutiquen shoppen. In hässliche Kartoffelsäcke müssen sie sich deswegen aber nicht hüllen. Denn die Zeiten, in denen Ökomode diesem Image gerecht wurde, sind längst vorbei. Und das ist laut Kirsten Brodde auch die Grundvoraussetzung für eine Trendumkehr. „Niemand trägt seine Gesinnung gerne auf der Haut, wenn sie kratzt“, steht für die Hamburger Journalistin fest, die jahrelang für das Magazin von Greenpeace geschrieben hat und als Expertin für grüne Mode gilt.

Die sei zwar immer noch ein Nischenthema, aber eines mit Entwicklungspotenzial. „Die Verkäufe von Biobaumwolle sind in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. Vor einigen Jahren wurden weltweit etwa 10.000 Tonnen abgesetzt. 2008 waren es 170.000 Tonnen“, fasst Brodde die Entwicklung in Zahlen.

Zahlen, die jüngst von der staatlichen schwedischen Chemiebehörde veröffentlicht wurden, zeigen jedoch die andere nach wie vor gängige Seite der Modebranche. Laut der Studie können in einem Kilo Textilien mehr als sechs Kilo Chemie stecken, wie die deutsche Zeitung Taz berichtet. Ein gewöhnliches T-Shirt bringe es in seinem Lebenszyklus – von der Faser bis zur Mülltonne – auf eine Chemiebilanz, die dem vierfachen seines Eigengewichts entsprechen könne.

Eine Studie, die für Brodde keine große Überraschung darstellt. „Bis etwa Baumwolle zu einem Kleidungsstück wird, wie wir es uns vorstellen, muss eine Menge gemacht werden. Farbenfroh, wetterfest oder bügelleicht – das alles wird nur mit Chemie erzielt.“ Die kommt natürlich auch auf dem Feld zum Einsatz. Die empfindliche Pflanze wird mit Kunstdünger und Pestiziden gepäppelt. Und in einigen Ländern wird sogar mit Hilfe von Chemie geerntet. „Bei der Baumwollernte wird oft das aus dem Vietnamkrieg bekannte Agent Orange zur Entlaubung der Pflanzen eingesetzt. Auf Feldern, auf denen junge, schwangere Frauen arbeiten“, weiß Johannes Heiml von der entwicklungspolitischen NGO Südwind.

Der Oberösterreicher organisiert heuer zum dritten Mal die Wearfair-Messe in Linz. Sie soll Konsumenten einen Überblick über ökologische und sozial verantwortliche Modelinien geben. 500 Labels in Europa würden diesen Kriterien mittlerweile entsprechen. Trotz dieses Booms ortet Brodde für Konsumenten nach wie vor ein großes Problem: „Verbraucher müssen sich zurzeit noch entscheiden, was ihnen wichtiger ist. Das Wohl und Wehe von Bauern in der Dritten Welt oder umweltbewusst erzeugte Kleidung.“

Im Klartext heißt das, dass ein T-Shirt aus Biobaumwolle nicht unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt worden sein muss. Und sozial verantwortlich produzierte Kleidung muss noch lange nicht bio sein. Zumindest aber kann sich der Verbraucher laut Brodde, die mit „Saubere Sachen“ auch ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht hat, auf entsprechende Gütesiegel (siehe Infobox) verlassen.

Ein genauer Blick beim Einkauf sei jedoch auch abseits der Entscheidung zwischen fair und öko wichtig. Denn einige Siegel sind für die Hamburgerin Schummelpakete. Als solches betrachtet sie etwa jenes der Initiative „Cotton Made in Africa“. Produkte mit diesem Siegel seien u.a. bei Puma, Tchibo oder Otto-Versand zu finden. „Das hat zwar den Touch von Entwicklungshilfe, diese Baumwolle ist aber weder fair gehandelt noch biologisch produziert.“ Ungeachtet dessen, ortet die Ökomode-Expertin aber Bewegung in der Textilbranche. Sie hätte die Zeichen erkannt und wolle nun auch beim Retten der Welt dabei sein.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 19.04.2010
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