28.07.2012
Auto Test

Onkel Sergios Geschenk aus Amerika

Noch nie kratzte ein Lancia so am Portal in die Oberklasse. Der neue Thema nutzt dazu die Konzerngene des neuen Chrysler 300 und kombiniert im Innenraum US-Komfort mit italienischer Materialkunde und Stilistik.
Der neue Lancia Thema misst über fünf Meter und ist eine der stattlichsten Limousinen am Markt. Das Design hebt sich von der Menge ab.Foto: Fellner
Foto: Fellner Reinhard
   
Infobox

Die Technik

Motor: Sechszylinder-Diesel

Hubraum: 2987 ccm

Drehmoment: 550 Nm bei 1800 U/min

Leistung: 176 kW/239 PS

L/B/H: 5066/1902/1488 mm

Gewicht: 1963/2472 kg

Kofferraumvolumen: 462 l

Tankinhalt: 72 l

Höchstgeschwindigkeit: 230 km/h

0–100 km/h: 7,8 Sekunden

Verbrauch: 8,8 l/100 Kilometer

Kraftübertragung: Heckantrieb

Preis: (3,0 Mj Executive) 55.055 Euro

CO2-Emission: 191 g/km

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Dass der Fiat-Konzern mittlerweile auch Herr über die Chrysler-Gruppe ist, beschert den Italienern zurzeit nicht nur fette Gewinne aus dem boomenden US-Geschäft, sondern auch einen völlig neuen Zugang zum Thema Automobil. Schließt die Chrysler/Jeep-Palette doch exakt da an, wo Fiat bislang nicht vertreten war. Anstatt seine Nobelmarke Lancia weiter in Schönheit sterben zu lassen, beschloss Konzernlenker Sergio Marchionne daher, neu entwickelte Chrysler-Modelle nach Adaptierungen künftig in Europa unter der Marke Lancia zu vermarkten. Die individuellen Klein- und Kompaktwagen der Italiener bereichern in den USA dafür das Chrysler-Programm.

Lancia wurde dadurch sozusagen zur globalen Feinschme­cker-Marke. Dies beweist auch das neue Flaggschiff Thema, dessen Name für Lancia schon vor Jahren für Erfolge im gehobenen Segment – bis hin zur Installierung eines Ferrari-Motors – stand.

Der letztes Jahr völlig neu entwickelte Chrysler 300 beschert Lancia jedoch ein Oberklassefahrzeug, wie es sich im Modellprogramm noch niemals fand. Eine stattliche Fünf-Meter-Limousine verspricht und offenbart hier alle Annehmlichkeiten und tritt mit durchwegs hohem technischen Niveau der Konkurrenz gegenüber.

Vorab: Dieser Lancia darf als eine der letzten echten Komfortlimousinen am Markt gelten. Es ist regelrecht eine Freude, wenn ein Auto einmal nicht krampfhaft versucht, sportlich zu sein. Schon der Innenraum des Thema wurde von Lancia als Wohlfühloase aus Leder und Holz gestaltet. In der von der TT getesteten Executive-Ausstattung schmiegen sich belüft- und beheizbare Fauteuils mit gelochtem Nappalederbezug um die Körper der Insassen. Deren Blick fällt auf schöne Hölzer, geschmackvolle Armaturen, einige dazu unstimmige, weil billige Kunststoffteile und den mit 8,4 Zoll größten Berührungsbildschirm am Markt.

Die Platzverhältnisse vorne und hinten kann man dabei nur noch als fürstlich bezeichnen. Brennt die Sonne von hinten, fährt man per Befehl einfach das hintere Rollo hoch. Eine Harman/Kardon-Hi-Fi-Anlage mit 900 Watt sorgt für die Beschallung eines Konzertsaals. Noch kräftiger geht übrigens der auch im Jeep Grand Cherokee verwendete Dreiliter-Sechszylinder von VM Motori ans Werk.

Feine Laufkultur paart sich mit der gewaltigen Kraft von 550 Newtonmetern bei 239  PS Höchstleistung (auch 190  PS sind erhältlich). Das erzeugt zusammen mit der butterweich schaltenden Fünfgangautomatik – einem Mercedes-Erbe – eine Souveränität beim Fahren, die den Fahrer nur noch ruhig und gelassen durch den Verkehr gleiten lässt. Dämmung und Federungskomfort entkoppeln ihn ohnehin von der Außenwelt. Hat man es eilig, dann befördert einen dieser Thema aber auch in sportwagenwürdigen 7,8 Sekunden auf Tempo 100, bis 230 km/h erreicht sind. Das Multilink-Querlenker-Fahrwerk mit den mächtigen 20-Zoll-Rädern zeigte sich trotzdem selten überfordert – den Rest erledigt das elektronische Stabilitätsprogramm ESP. Aktive Sicherheit verspricht zudem der radargesteuerte Tempomat, der selbstständig konstanten Abstand zum Vordermann hält.

Der Einstieg in den Thema beginnt beim 190-PS-Diesel bei 46.555 Euro. Unser Spitzenmodell bilanziert mit 55.055 Euro. Auch ein 286-PS-Benziner mitsamt Achtgangautomatik ist für 51.055 Euro erhältlich. Unter seinesgleichen ein überaus günstiger Preis. So oder so: Die Italiener und Sergio Marchionne dürfen sich freuen: Italien hat wieder eine würdige Staatslimousine.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 28.07.2012
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