23.04.2012
Web

Die Abzocker wandern weiter

Das Ärgernis mit vermeintlichen „Gratis“-Internet-Angeboten konnte 2011 massiv eingedämmt werden. Doch die Abzocker konzentrieren sich zunehmend aufs Handy.

Von Christian Willim

Innsbruck – Um an das Geld verunsicherter Konsumenten zu kommen, waren Internet-Abzockern in den vergangenen Jahren alle möglichen Mittel recht. Immer wieder wandten sich eingeschüchterte Tiroler an den TT-Ombudsmann, weil sie mit Inkasso-Schreiben und Anwaltsbriefen bombardiert wurden. Sie sollten für Dienste bezahlen, die sie nie in Anspruch genommen hatten oder bei denen nicht ersichtlich war, dass sie kostenpflichtig sind.

Kein Wunder also, dass auch beim Internet-Ombudsmann Beschwerden über vermeintliche „Gratis“-Angebote seit 2006 auf Platz 1 in der Anfragestatistik rangieren. Doch mit dem nun vorgelegten Jahresbericht 2011 zeichnet sich eine Trendwende ab. Die Zahl der Fälle, die um derartige Praktiken kreisen, ging um 74 Prozent zurück. 1881 Beschwerden bedeuten zwar immer noch Platz 1 in der negativen Hitliste. „Aber ich bin zuversichtlich, dass das 2012 nicht mehr der Fall sein wird“, gibt sich Bernhard Jungwirth, der Chef der Anlaufstelle rund um rechtliche Probleme mit dem Internet, optimistisch.

Dass die Abzockwelle derart eingedämmt werden konnte, hat für ihn mehrere Gründe. „Das hat unter anderem damit zu tun, dass es in Deutschland erste strafrechtliche Urteile gegen die Betreiber solcher Seiten gegeben hat. Gefängnisstrafen sind sicher abschreckend.“ So wurden etwa im März in Hamburg sieben Angeklagte wegen des Betreibens von Kostenfallen im Internet zu Freiheitsstrafen zwischen einem Jahr und 3¾ Jahren sowie Geldstrafen verurteilt. Sie hatten über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren im Internet „Abofallen“ betrieben, berichtet die Gerichtspressestelle. „Auf diese Weise haben sie bei ca. 65.000 Internetnutzern einen Schaden von insgesamt mindestens 4,5 Millionen Euro verursacht“, heißt es.

Schnell verdientes Geld. Denn eine Internetseite ist schnell gebastelt. Und hat man erst einmal die Daten der Nutzer in der Tasche, heißt es nur noch Rechnungen zu verschicken – in diesem Fall in der Höhe von 60 bzw. 84 Euro – und darauf zu warten, dass ein Teil der Adressaten aus Angst vor Konsequenzen bezahlt. Wovor Konsumentenschützer im Übrigen eindringlich warnen.

Doch die Erfinder der Kostenfallen suchen sich bereits neue Spielwiesen, wie Jungwirth bemerkt. „Das verlagert sich zunehmend Richtung Handy.“ Begünstigt wird diese Entwicklung durch die Beliebtheit von Smartphones und Apps. Besonders tückisch seien etwa so genannte In-App-Käufe. Dabei wird den Betroffenen ebenfalls ein vermeintlich kostenloses Angebot zum Verhängnis. „So kann etwa das Herunterladen einer Spiele-App gratis sein. Doch dann werden Zusatzfunktionen angeboten, um etwa schneller im Spiel voranzukommen. Wir hatten gerade einen Fall, da sind auf diese Weise 1500 Euro angefallen“, berichtet der Internet­experte.

Ein weiterer Trend: Immer häufiger wenden sich Senioren an den Internet-Ombudsmann. Bereits 11 Prozent aller Beschwerdeführer waren im Vorjahr über 60 Jahre alt. Jungwirth führt das unter anderem darauf zurück, dass diese Altersgruppe die größten Zuwachsraten im Internet verzeichnet. „Ältere sind aber auch skeptischer als Jugendliche und fragen schneller nach.“ Große Verunsicherung habe es vor allem im Zusammenhang mit Abzock-Fallen gegeben. Aber die sind ja glücklicherweise auf dem besten Weg, aus dem Netz gedrängt zu werden.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 23.04.2012
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