11.01.2012, 14:49 
Musik News

Thomas Quasthoff nimmt Abschied: „Gehe ohne Bitterkeit“

„Ich habe mir die Sache lang überlegt. Auch mein Arzt hat mir empfohlen, mir mehr Zeit für mich selbst zu nehmen“, so Quasthoff
In letzter Zeit hatte Quasthoff zahlreiche Konzerte wegen stimmlicher Probleme absagen müssen.
Foto: dapd

Wien – Er ist der Ausnahmesänger par excellence. Nicht nur, weil seine fulminante Karriere einer körperlichen Behinderung trotzte. Sondern weil Thomas Quasthoff, in der Klassik wie im Jazz zu Hause, als Interpret für seinen einzigartigen Ausdruck geliebt und als Kollege für seine unkomplizierte Herzlichkeit geschätzt wird. Nach vielen abgesagten Auftritten wegen Stimmproblemen, hat er nun bekanntgegeben, was seine Fans schon länger befürchtet haben: Der deutsche Bassbariton wird seine Karriere beenden.

Er habe sich entschlossen, sich „nach fast 40 Jahren aus dem Konzertleben zurückzuziehen, weil es mir meine Gesundheit nicht mehr erlaubt, dem Anspruch, den ich immer an mich selber und an die Kunst gestellt habe, gerecht werden zu können. Ich habe dem Beruf sehr viel zu verdanken und gehe ohne Bitterkeit“, teilte Quasthoff in einer Aussendung mit. Gegenüber „news.at“ gab der Sänger auch an, ihm sei „die Klassik-Branche zu oberflächlich geworden. Man hat den Eindruck, außer David Garrett gäbe es niemanden mehr.“

Künftig werde es neue Herausforderungen geben, aber auch seinen Tätigkeiten als Professor an der Berliner „Hanns Eisler“ Hochschule, als künstlerischer Leiter des von ihm ins Leben gerufenen Wettbewerbs „Das Lied“ sowie als Sprecher, bei Lesungen und im Rahmen seiner neuen Reihe „Thomas Quasthoffs Nachtgespräche“ am Konzerthaus Berlin werde er weiter nachgehen, so Quasthoff in einem von seiner Agentur verbreiteten offiziellen Statement.

Ganz überraschend kommt der Rückzug nicht. In Österreich sagte der 52-Jährige im Vorjahr Termine wegen hartnäckiger Kehlkopfprobleme etwa bei den Salzburger Festspielen, beim Jazzfest Wien oder beim ersten Konzert der neuen Solistenreihe in der Staatsoper ab. Dass er sich von der Jazzbühne endgültig verabschieden werde, gab er bereits im Oktober bekannt. Für die heurigen Festwochenkonzerte ist bei den „Gurre-Liedern“ als Sprecher gebucht - diesen Termin wird er wahrnehmen. Bei anderen, etwa im Wiener Konzerthaus, bei den Salzburger Festspielen, in Grafenegg oder Graz wird er nicht auftreten: Fest steht bereits, dass er in Graz (5. Juni) durch Christopher Maltman ersetzt wird, die Eröffnung des Musikfestivals Grafenegg übernimmt Michael Schade.

Thomas Quasthoff wurde am 9. November 1959 in Hildesheim geboren. Ein einfacher Start in die Musiklaufbahn war ihm nicht möglich. Von seiner Contergan-Behinderung, mit der er geboren wurde, erzählt er in seiner Autobiografie „Die Stimme“ eindringlich, aber auch selbstironisch. Von den Kinderjahren im Streckbett, dem Behinderten-Internat, ersten Erfolgen und vielen Rückschlägen - an der Musikhochschule Hannover wurde er so zunächst abgelehnt, weil er wegen seiner Behinderung nicht Klavier spielen konnte. Er studierte auch Jus, arbeitete als Radiomoderator und Sprecher. Ab den frühen 90er Jahren widmete er sich dann ausschließlich dem Singen - und machte steile Karriere.

Vor allem als Liedinterpret des Werks von Mahler und Schubert trat er in allen großen Konzerthäusern der Welt auf. Und auch an der Oper war Quasthoff tätig: 2003 debütierte er als Fernando im „Fidelio“ während der Salzburger Osterfestspiele, auch als Amfortas im Staatsopern-“Parsifal“ bestritt er einen denkwürdigen Auftritt. 2006 nahm er schließlich sein erstes Jazz-Album auf und brachte es auch in diesem Fach auf Anhieb zu internationalem Renommee.

Thomas Quasthoff war mehr als 10 Jahre Exklusiv-Künstler der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Drei seiner CDs wurden mit einem Grammy ausgezeichnet und sechs einer Aufnahmen wurden mit dem Echo-Preis gewürdigt. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, u.a. 2005 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, 2009 die Gold Medal der Royal Philharmonic Society in London sowie den Herbert von Karajan Musikpreis des Festspielhauses Baden-Baden und 2011 die Gold Medal der Londoner Wigmore Hall. Außerdem wurde ihm 2009 der Titel Österreichischer Kammersänger verliehen. (APA)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mi, 11.01.2012  14:49
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