Mehrstimmig stimmig
Von Cornelia Ritzer
Wien – „Everyday reality is an illusion of possibilitys.“ Mit schweren Gedanken über die scheinbaren endlosen Möglichkeiten, die so ein Tag bietet, und beschwingten Melodien startet das Debütalbum „Kites“ (schoenwetter) des Trios diver. Süße Streicher-Melodien tragen dann den Song „Care“ in lichte Höhen, während das mit schwerem Herzen gesungene „my love“ zu Boden der Tatsachen zieht. Wohin die coolen Kids gehen, darum geht‘s dann auch in „Red Colour“. Und hier kommt ein Stilmittel zum Einsatz, das einen Großteil des Charme von diver, dem man nicht nur als Folk-Fan zu verfallen droht, ausmacht: Wenn sowohl die Stimme von Wolfgang Bruckner, Olaf Schuberth und Stephan Ebert zu hören ist.
Ein intensives vokales Zusammenspiel, das vor allem die schottischen Gefühlsbesinger Belle and Sebastian, die harmonievernarrten Fleet Foxes und – wenn auch bombastischer – die kanadischen Indie-Könige Arcade Fire bis zur Perfektion beherrschen. Die von diver zitiert, aber nicht kopiert werden.
Passend zum mehrstimmigen Gesang kommt die Melodica zum Einsatz, die aber nicht das einzige Instrument zur Gefühlsmaximierung ist. Neben dem Standardrepertoire einer Singer-Songwriter-Band – Akustikgitarren für jedes Bandmitglied – trumpfen die Jungs mit Piano, Stompbox, Schlagzeug, Bass, Streicher, Percussion und sogar Fagott auf. Zum fast flächendeckenden Einsatz kommen diese Instrumente bei „Fear“, voller Brüche, Wendungen und Abgründe – bis zum im dramatischen Nichts verhallenden Schlusswort. Das klingt hochdramatisch, behält aber großteils durch die unsentimentale Vortragsweise Leichtigkeit. Die spätestens beim verspielten „1, 2, Much“ in den Vordergrund drängt. So fröhlich kann also der Tag nach ein paar Drinks zu viel auch klingen.
Der für manche Ohren verstaubt, da reduziert und ruhig umgesetzt, klingende Sound entstand auf durchaus moderne Weise. In Berlin, im heißen Sommer 2010, trafen Wolfgang Bruckner (als Schlagzeuger der Indie-Band Deckchair Orange verpflichtet) und Stephan Ebert zusammen. Man tüftelte über musikalischen Ideen und schickte die Ideen per Internet an Olaf Schuberth. So ging‘s hin und her, bis das Trio wieder in derselben Stadt wohnte. Der Wohnsitz aller lautet heute Wien.



