Wenn das Leben den Tod einholt
Von Sabine Strobl
Innsbruck – Scheibenwischer, die Regentropfen beiseiteschieben. Melancholie und schrille Lebenslust. Eine überstrapazierte Stimme und schützende Klavierklänge. 2009 erschien das Debütalbum der Steirerin Anja Plaschg, die als Musikerin, Sängerin und Schauspielerin den Künstlernamen Soap&Skin führt. „Lovetune for Vaccum“ ist ein Album, das im Ohr geblieben ist. Es verschwand nicht nach ein paar Wochen im Popgetümmel. Musikhörende waren von dem Eigensinn der damals nicht einmal 20-jährigen Musikerin begeistert. Ein Raunen ging auch durch die Musik- und Kritikerbranche und bald lief Soap&Skin, mehrfach ausgezeichnet, als Hoffnungsträgerin des österreichischen Pop herum. Vorbei das Geheimtippdasein.
Die Sängerin Björk, Folk, elektronische Musik und Piano, Piano, Piano, das hat mit Soap&Skin zu tun. Vor ein paar Tagen schwappte wieder eine Soap&Skin-Welle übers Land. Im Internet konnte man sich die ersten Proben der neuen Songs anhören und hurtige Musikkritiker gaben ironisch-joviale Worte in Druck. Nun quillt das Netz über, nicht nur die Londoner Szene bekundet ihre Vorfreude auf das anstehende Konzert im Frühling. Und endlich kann der Normalmensch die neue Veröffentlichung „Narrow“ (auf CD, Vinyl und Digital) erstehen. Soap&Skin nennt es ein Mini-Album, als zweites Album möchte die Musikerin die acht Titel zu 30 Minuten noch nicht sehen.
Am Cover des ersten Albums trat Soap&Skin noch mit toupierten und aufgesteckten Haaren in Erscheinung, zwischen klavierspielender Frau aus einem vergangenen Jahrhundert und düsterer Gothic-Anhängerin. Für „Narrow“ hat die Künstlerin ein Foto ausgewählt, welches das nette Mädchen von nebenan zeigt. Auch bei ihren Liedern hat Soap&Skin ein paar Tropfen vom Zaubermittel Reduktion angewandt. Anja Plaschg hat die Songs nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters geschrieben und ohne Kitsch und Schicksalsschläge vorführen zu wollen, geht es in dem Songzyklus um Bewältigung und Abschiednehmen.
„Vater“ heißt der Opener, ein erstes auf Deutsch gesungenes Lied. „Ich trink auf dich Dutzende Flaschen Wein und will doch viel lieber eine Made sein.“ Soap&Skin ist in ihrem Text direkt und emotional. Eine Stimme, die trauert, weit hinuntergehende Pianotöne. Versöhnung. Der zweite Titel „Voyage, voyage“ kommt auf Französisch. Soap&Skin hat den Ohrwurm der 80er Jahre für den Debütfilm „Stillleben“ von Sebastian Meise interpretiert. (In dem Film ist Plaschg in ihrer ersten Kinorolle zu sehen). Diese schöne Bearbeitung ist vielleicht ein Fremdkörper im Album, doch ans Weglassen ist auch nicht zu denken. Mit Wucht platzt „Deathmental“ herein. Die progammierte Assoziation ist wohl Freiheitsliebe, Metal. Rein wird Soap&Skins Stimme in „Wonder“. Die Sänger im Hintergrund begleiten in die Kirche. Leise und in sich gekehrt bleibt auch „Lost“. Wieder ein Klavierstück und Gesang. Nicht umsonst spielt Anja Plaschg seit ihrem sechsten Lebensjahr Klavier und nicht umsonst kam Schubert aus Österreich. Doch aussinniert. Eine elektronische Geräuschkulisse baut sich auf, irgendwo sind Bläser. Dann der finale Kraftakt „Big Hand Nails Down“, eingepeitscht mit schlagendem Rhythmus.
„Narrow“ ist eine vorzügliche Songsammlung. Soap&Skin zuzuhören, heißt auch, Eile abstreifen, deshalb ist es ein Vergnügen auf ihr so genanntes zweites Album zu warten.



