23.04.2012
30 Jahr Ärzte

Rockmaschine, Doktorspiele

30 Jahre gibt‘s „Die Ärzte“ schon, das Jubiläum will die beste Band der Welt jedoch nicht feiern. Viel lieber üben sie Selbstironie und versuchen, einfach die Welt zu verbessern.

Von Cornelia Ritzer

Wien – „Ist das noch Punkrock?“, fragt Farin Urlaub und eröffnet damit das Die Ärzte-Album „Auch“ (Universal). Die Frage schwebt 16 Songs lang zwischen Gitarrenriffs, Bassläufen und Drumteppichen mit. Immerhin sind Gitarrist Urlaub, Drummer Bela B. und Rod Gonzalez am Bass Herren um die 50. „Wir kümmern uns um den Rock“, verspricht das Trio aus Berlin trotzdem im Song „TCR“. Und schieben „Hey, Heys“, jaulende Gitarren, Metal-Soli, simple Fun-Punk-Riffe und relaxte Reggae-Bass-Klänge nach. Haben Die Ärzte ein Problem mit dem Älterwerden im Rockbusiness, ist „Auch“ eine Art Therapie? Klar ist, dass die Bandbreite groß ist und Die Ärzte sie drauf haben. Immerhin sind sie eine „gottverdammte Rockmaschine“, wie Farin singt.

„Die Bandbreite ergibt sich einfach so“, erzählt Bassist Rod Gonzalez beim TT-Interview. Während er das sagt, zieht der in schwarz gekleidete Rocker an der Elektro-Zigarette. Nicht Punkrock, aber gesünder. „Die Ärzte waren immer eine sehr spielerische Band mit vielen Stilen, und ich habe diese Stile immer gerne ausgeschöpft“, erzählt Rod weiter und zählt auf: „Rod loves you“ war eine Disco-Single, „Westerland“ geprägt von Beach-Sound. „Selbst die frühen Ärzte in den 80ern haben nicht nur Rock gespielt, da war Gothic mit Synthies, Wave und Rockabilly drin, es gab auch Ska-Nummern“, sprudelt es aus dem in Dreier-Interviews eher schweigsamen Rod raus.

Seit 1982 gibt‘s Die Ärzte, seit 1993 spielen sie in der heutigen Besetzung. Dass sie heuer ihr 30-Jahr-Jubiläum feiern würden, wenn sie es feiern würden, wurde der Band erst durch Interviews bewusst, sagt Rod. Außerdem lösten Farin und Bela in den 90er-Jahren die – wie sie sich selbstironisch nennen – „Beste Band der Welt“ für vier Jahre auf. Heute sind die Rocker „sympathische Millionäre“, wie sie in einem Interview sagten, und könnten sich zurücklehnen. Machen sie aber nicht. Farin und Bela veröffentlichten Solo-Alben, Rod spielt südamerikanische Lieder, der passionierte Reisende Farin Urlaub machte ein Fotobuch, die Musiker haben ihr eigenes Label und die Live-Kozerte sind legendär. „Unglaublich, ne, dass so alte Herren noch so fleißig sein können!“, kommentiert der Bassist schmunzelnd das Arbeitspensum.

Außerdem wurde jeder „Auch“-Song verfilmt, um den selbstgebastelten Videos auf YouTube, die meistens Fotos als Slideshow zeigen, zu entgehen. „Das sind so ziemlich die schlimmsten Videos, die man sich angucken kann“, war laut Rod das Urteil der Band. Weil zwei Film-Teams das Rennen um die beste Idee gewonnen haben, wurde es die doppelte Menge. Überhaupt sind die Videos der Band sehenswert: Wenn Farin, Bela und Rod in „Unrockbar“ Spießer verkörpern, die lernen, wie man Fernseher aus dem Fenster wirft. Wenn Zombies in „Junge“ in einem Vorort wüten, während Die Ärzte auf einem Autodach rocken. Oder wenn sie in „Yoko Ono“ 30 Sekunden mit dem Fahrstuhl in die Tiefe rauschen und somit das weltweit kürzeste Video produzierten.

Doch nicht nur die Bilder, auch die Texte haben Tiefe. Ausländerfeindlichkeit („Schrei nach Liebe“) oder Gewalt in der Beziehung („Manchmal haben Frauen“) werden kritisiert, die gleiche Band arbeitet sich aber auch an Nonsens-Themen oder am Dauerbrenner Beziehung ab.

Eine Schamgrenze gibt‘s für Rod Gonzales, nämlich aktuelle Themen zu Liedern zu machen: „Die Ärzte haben’s mal gemacht, das waren meist politische Themen.“ Für ihn sind Die Ärzte am besten, „wenn sie zeitlose Sachen gemacht haben“. Auch bewusste Provokation lehnt er ab: „Ein anderes No-Go wäre, auf Krampf zu versuchen, zu schockieren.“

Anders war das zu Ärzte-Anfangszeiten: „Viele Stücke aus der Jugendzeit der anderen beiden waren als Provokation gedacht, wie ‚Geschwisterliebe‘ oder ‚Claudia hat nen Schäferhund‘.“ Zu Recht seien die Lieder auf den Index gekommen, auch heute darf man sie in Deutschland nicht verkaufen. Die Ärzte sind aber gereift: „So ’ne Provokation, die Farin Urlaub machte, als er 15, jung und unbedarft war, würde er heute nie mehr machen. Das würde in die Hose gehen und wäre der Musik nicht dienlich.“ So pendeln Die Ärzte 2012 immer noch zwischen Sinn und Unsinn, rocken manchmal simpel, aber immer gekonnt und machen vor allem Spaß.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 23.04.2012
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