Der knarzige Alien aus dem Wienerwald
Von Christiane Fasching
Innsbruck – Sechs Zahlen. Das war‘s. „190352“ (Sony) heißt das neue Album von Wolfgang Ambros. Und was soll dieser kryptische Nummernhaufen? Was will uns Wolferl damit sagen? Ganz einfach: Dass er seit dem 19. März 1952 auf dieser Welt weilt. Und seither viel erlebt hat – an Stoff für Lieder mangelt es dem markigen Austropopper also nicht. Dafür fehlte ihm ein adäquates Geburtstagsständchen, das sich Ambros deshalb kurzerhand selber schrieb. „Geburtstag“ heißt daher der beschwingte Opener zum Album, das zum Teil in Waidring aufgenommen wurde.
In seiner Tiroler Wahlheimat fühlt sich die Nummer eins vom Wienerwald offenbar pudelwohl. Hier lebt er mit seiner großen Liebe Anne und seinen Zwillingen Rosalie und Sebastian – Letzteren hat er die Nummer „Vier blaue Augen“ gewidmet, die nur so strotzt vor väterlichem Stolz, allerdings auch entwaffnend ehrlich die Strapazen anspricht, die zwei quirlige Zweijährige so mit sich bringen. „Aufpassen muasst wie a Luchs und es wird immer schlimmer. Doch leider geht‘s zu schnell vorbei, aber die Freud, die bleibt für immer“, singt Papa Ambros da. Und klingt dabei ein wenig ausgelaugt. Ausgelassen aber auch. Verblüffend romantisch gibt sich der fidele 60-Jährige dafür in der Ballade „Sie“, die seiner Anne wohl das eine oder andere Tränchen in die Augen treiben dürfte. Schließlich wird man ja nicht alle Tage als „wunderschön, unberechenbar und furchtbar g‘scheit“ gehuldigt.
Ambros öffnet also sein Herz, gibt Einblicke in sein Seelenleben und unternimmt dabei auch den einen oder anderen Ausflug in seine Vergangenheit. Wie in „Brandberg“, jener Nummer, die an seine Jugend gemahnt und putzige Bilder von Klein-Wolferl als Hobby-Indianer entstehen lässt. „I hob dort nix mehr verloren“, gesteht Ambros da aber auch. Und „I woa und bin ein Alien“. Er weiß es wohl am besten.
Außerirdisch gut gelungen ist übrigens Ambros‘ Version des Radiohead-Juwels „No Surprises“, der auf gut Wienerisch „Ka Überraschung“ heißt und Gänsehaut aufkommen lässt. Hier trifft Melancholie auf Poesie – garniert wird alles mit einer Prise Schwermut und dem rauchigen Wolferl-Timbre, das nach wie vor unverwechselbar ist. So wie Ambros‘ Version von „Just when I needed you most“ – einem Hit von Randy Van Warner, den wohl die meisten in der Fassung von Dolly Parton kennen und lieben. Austrogepoppt heißt die Nummer nun „Ausg‘lacht“ und punktet mit einem Lamentier-Lamento, das ins Ohr geht.
Ans Herz geht wiederum das Lied „Regenbogen“, das auf einem Text von Georg Danzer basiert und traurig-schön an eine Freundschaft erinnert, die über den Tod hinausgeht. Aber auch vom Tod handelt. „I hob doch nur mei Lebtag lang nach ana Regel g‘lebt: Amoi da hast‘s fuatgeh, aber jetzt bin i no da“, knarzt Ambros da. Kraftvoll und gefühlvoll zugleich. Schade bloß, dass bei so mancher Nummer die Background-Stimmen zu sehr in den Vordergrund rücken – weniger ist manchmal mehr. Ansonsten ist „190352“ eine Fundgrube für Ambros-Fans. Der Meister hat das Knarzen nicht verlernt.






