10.06.2012
Kritik

Poetische Prophetin

US-Künstlerin Patti Smith präsentiert sich auf ihrem neuen Album „Banga“ souverän und eigenwillig – wie eh und je.

Von Sabine Theiner

Innsbruck – Patti Smith gilt heute als die coolste Frau im Musikbusiness. Mit 65. Das muss man erst hinkriegen. Sie hat viel erlebt, darüber könnte man Bücher schreiben. Patti Smith hat das auch getan – und für ihren autobiographischen Roman „Just Kids“ den National Book Award der USA eingeheimst. In den 1970er-Jahren war sie eine schillernde Figur des New Yorker Undergrounds, eine Poetin, Rebellin, Kämpferin und Außenseiterin. Die Ikone des Punk, der Frauenbewegung, der Mode, das Idol einer ganzen Generation meldet sich jetzt wieder zu Wort.

„Banga“, ihr neues Studioalbum, handelt von ihrer Sorge um den Fortbestand des Planeten und unserer Gesellschaft. Es geht um Göttliches, Natur, Abenteuer und Entdeckungen (die Ouvertüre „Amerigo“ erzählt von Vespuccis Überseefahrt). Es ist voll von literarischen und philosophischen Querverweisen, raffinierte Hinweise verbinden die Songs miteinander, sodass sich das Album fast als Roman enthüllt. Das geht schon mit dem Namen los. Banga heißt der Hund von Pontius Pilatus im Michail Bulgakows Epos „Der Meister und Margarita“. Der gleichnamige Track ist ein diffus bedrohliches Stück, im Hintergrund ist Hundegebell zu hören. Es ist Smiths Sohn Jackson, der bellt. Er und seine Schwester Jessie Paris sind Teil der Patti Smith Group, die wieder einmal ganze Arbeit leistet. Als Gastmusiker, allerdings nur beim Titelstück, ist übrigens Johnny Depp zu hören: Er trommelt und spielt Gitarre. Außerdem ist der Song „Nine“ ein Geburtstagsgeschenk der Künstlerin an den Schauspieler. Der absolute Höhepunkt des Albums ist das meditative, geheimnisvolle „Constantine’s Dream“. Es geht um das gleichnamige Fresco von Piero della Francesca in der Kirche San Francesco in Arezzo, das von Kaiser Konstantins Traum handelt, der den Siegeszug des Christentums ankündigt. Schleppend und dunkel wie ein träger Fluss verbreitet dieses Stück eine mystische, fast okkulte Stimmung. Beschwörend wie eine Hohepriesterin verstärkt Smith mit „spoken words“ die düstere Atmosphäre. Sie trägt ihre Botschaft mit dem ihr eigenen Furor vor, ihre Stimme ist stark und voluminös, kein bisschen alt. So ist „Banga“ ein durch und durch poetisches Album, ganz Patti Smith. Sie kann es immer noch und sie ist immer noch eine fesselnde Erscheinung. Ganz wie damals, als sie als junge Frau mit ihrem Debüt „Horses“ Kulturgeschichte schrieb, stark, dickköpfig, bescheiden und poetisch. Ihr zuzuhören, ist eine Bereicherung.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 10.06.2012
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