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Bonaparte im Interview

„Wir sind wie ein elektrifizierter Wildbach, der durchs Tal fegt“

Tobias Jundt alias Kaiser Bonaparte, Sänger der Band Bonaparte, gastiert im November im Innsbrucker Hafen. Der TT-Online gab er eines seiner erhellenden Interviews.

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Vor zwei Jahren hattet ihr euren letzten Auftritt in Innsbruck. Gibt´s daran noch Erinnerungen?

Tobias Jundt: Ja, es hatte Berge hinter der Stadt und unser Ziegenmann verspürte den ganzen Tag dieses Ziehen in Richtung der Gipfel. Nach der Show, als wir in dem Club zur Afterparty antanzten verschwand er durch die engen Gassen und man hörte nur noch ein Heulen, wie das von einem Wolf. Wir sind also gespannt, welche Tänzerin ihr uns diesmal ausspannen werdet.

Auf eurer Homepage steht, dass ihr flauschigen Aufmerksamkeitsdefizit-Punk für U-Boote macht. Geht‘s noch etwas genauer mit der Musikdefinition?

Jundt: Wir wollten zuerst auch noch den genauen Hersteller-Typus des U-Bootes dazu schreiben, aber unser Management sagte, das würde die Leute nur verwirren. Die wollen ja auch nicht lesen, ob ich im Refrain von ‚Sorry We‘re Open‘ wirklich rückwärts singe: “Wäre ich Bürgermeister von Innsbruck, dann müssten alle Männer, die größer sind als 1.64 m den ganzen Sommer lang auf die Alp hinauf und nur der Kaiser dürfte im Städtchen unten mit den Damen durch den Lustgarten rennen“. Das singe ich da wirklich.

‚Sorry, We‘re Open‘ heißt euer neues Album. Warum entschuldigt ihr euch für eure Offenheit?

Jundt: Grundsätzlich ist es so, das haben Studien der Stanford University ergeben, dass die Menschen in Mitteleuropa eher zu steif durchs Leben gehen. Unser Kollektiv ist nun aber eher dafür bekannt, den Dingen ihren freien Lauf zu lassen, so in etwa wie ein elektrifizierter Wildbach, der durchs Tal fegt. Wir sagen aber auch „Come in, we‘re closed“, sprich, wir spielen auch an Feiertagen in doppeltem Tempo.

Inwieweit hat sich euer Sound auf der neuen Platte weiterentwickelt?

Jundt: Ich habe mehr mit alten Synthesizern gearbeitet. Dazu kamen viele andere abwegige Instrumentchen und auch der Versuch, eine Community-Platte zu machen. Ich habe also nicht mehr alles ganz alleine geschrieben, sondern eher mal mit einer netten Begleitung eine Flasche Whiskey geöffnet und geschaut was passiert. In dieser digitalen Welt ist ein Schritt aufeinander zu schon eine große Geste.

Warum spielt ihr nicht - wie andere Bands - einfach eure Songs, sondern veranstaltet dabei so einen Zirkus? Woher kommt die Motivation dafür?

Jundt: Die Frage lautet eher: Warum stehen so viele Bands einfach auf der Bühne herum und ich gehe nach drei Songs zu Dean Martin an die Bar, weil mir sonst die Beine einschlafen und der Kiefer amputiert werden muss, weil er eingeschlafen ist.

Traditionell ist bei euren Shows viel nackte Haut zu sehen, SM-Spielchen inklusive. Habt ihr euch hier Grenzen gesetzt? Was würde zu weit gehen?

Jundt: Es gibt Grenzen, wie sie jede Kultur und Gemeinschaft hat. Man ist frei zu tun und lassen was man im Moment verspürt, solange dies nicht gegen den Willen von jemand anderem geht. Ich respektiere grundsätzlich alle möglichen Meinungen anderer Menschen. Aber gleichzeitig müssen wir uns ein Spielfeld erschaffen, in dem wir musizieren und tanzen können, wie wir es für richtig empfinden. Eine Bonaparte-Show ist am Ende des Abends immer etwas sehr Befreiendes. Man geht meist als besserer Mensch in die Nacht hinaus.

Wie kommt ihr auf die schrillen Kostüme? Sucht sich jeder sein Kostüm selbst aus, oder folgt dies einem genauen Konzept?

Jundt: Ob du nun in Jeans, Anzug oder nackig auf Arbeit gehst, sendet ja auch Signale aus. Es geht darum, welche Signale wir aussenden wollen. Letztes Jahr bunt, dieses Jahr Schwarz-Weiß-Pink. Jede Jahreszeit hat ihre Launen, jede Bonaparte-Tour ihren Kodex.

Wie ist Bonaparte eigentlich entstanden? Hat sich die Besetzung mit der Zeit geändert? Ihr seid ja eine unglaublich internationale Truppe …

Jundt: Man lese die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten und stelle sich das Ganze im Jahre 2006 in psychedelischer Farbgebung vor. In etwa so. Ich fuhr herum in meinem 1969er Rallyewagen und sammelte Leute ein - Tänzerinnen, Musiker und nicht genau identifizierbare Wesen irgendwo im Grenzbereich dazwischen. Irgendwann wurde der Computer gegen einen Schlagzeuger und die Vogelscheuche gegen Tänzer ausgetauscht und die Energie exponentiell nach oben geschraubt. Im Kern von allem steht die Musik. Aber Party, Tanz, Theater, Fotografie, Fashion, Design und individueller Ausdruck spielen da alle mit hinein.

Was ihr macht scheint sehr viel Spaß zu machen. Könnt ihr auch gut davon leben?

Jundt: Wir sind Künstler und leben wie die meisten Künstler von Sonne und Liebe. Manchmal etwas mehr vom letzterem, gerade wenn wir - wie jetzt - im Frühwinter unterwegs sind.

Ihr eilt seit Jahren fast pausenlos von Auftritt zu Auftritt in aller Herren Länder. Gibt es für euch so etwas wie Bühnenmüdigkeit?

Jundt: Bevor man auf die Bühne geht, ist man den ganzen Tag müde. Was soll man auch mit diesen Tagen anstellen immer. Aber dann geht man raus auf die Bretter und der erste Ton erklingt. Das Schiffshorn trötet und es geht los. Die Batterien sind so was von überladen, das muss raus! Es macht also total Spaß, sonst würden wir es ja auch nicht tun.

Gibt es sonst noch etwas, das ihr euren Tiroler Fans vor der Show in Innsbruck sagen möchtet?

Jundt: Kommt, kommt! Lernt die Texte damit es oben singt, während es unten tanzt. Und trägt das Outfit, welches ihr seid Jahren nicht gewagt habt zu tragen. Jetzt ist der Moment! Ihr werdet zwölf Liter Schweiß verlieren und danach wird auch euer Liebesleben und die Karriere und all das wieder voll super laufen. Versprochen.

Das Gespräch führte Simon Hackspiel

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