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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 19.10.2012

Ein englischer Kopf auf deutschem Bauch

„A Mensch called Man“: Herbert Grönemeyer hat für seinen Einzug in den internationalen Pop-Olymp Verstärkung mitgebracht.

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Von Joachim Leitner

Innsbruck – Um auch im englischen Sprachraum das zu werden, was man im deutschen bereits seit gut 30 Jahren ist, ein ganz Großer nämlich, muss auch manches geopfert werden. Ein grundsolider deutscher Vorname zum Beispiel. In der englischen Welt will Herbert Grönemeyer schlicht Grönemeyer genannt werden. Das ist durchaus konsequent. Schließlich sind die Zeiten, als der hemdsärmelige Herbert beherzt durch den Ruhrpott grölte, schon länger vorbei. Inzwischen ist Grönemeyer ein Freund ruhigerer Töne, mehr welthaltiger Wortklauber als Festzeltrocker.

Bochum war gestern, heute soll alles eine Nummer größer sein. Schließlich pendelt Grönemeyer schon seit Längerem zwischen London, wo er lebt, und Berlin, wo er arbeitet. Und was schon Wittgenstein mutmaßte, ist auch Grönemeyer nicht unbekannt: Die Grenzen der Sprache, sind die Grenzen der Welt. Ergo: Mit einer neuen Sprache eröffnet sich auch eine neue Welt und ein neuer Absatzmarkt.

Diese Idee ist nicht wirklich neu. Bereits Ende der 1980er-Jahre hat sich Grönemeyer weitgehend erfolglos auf Englisch versucht. Deshalb will er jetzt, in seinem neuen Album „I walk“, das gestern erschienen ist, auch auf Nummer sicher gehen. Zum einen dadurch, dass er auf bereits etablierte Hits aus seinem Repertoire zurückgreift und diese ins Englische überträgt. Zum anderen durch prominente Gastmusiker wie U2-Frontman Bono und James Dean Bradfield von den Manic Street Preachers.

Am eindrücklichsten gelingt das Experiment bei „Will I Ever Learn“. Hier arbeitet er mit Neo-Folk-Ikone Antony­ Hegarty von Antony and the Johnsons zusammen. Hier finden zwei gänzlich unterschiedliche Stimmen und Gesangsstile vor zurückgenommenem Streicher-Arrangement nach und nach zueinander und sorgen für wohlige Gänsehautstimmung. Allerdings hat die Kombination von Grönemeyers Stakkato und dem schwelgerischen Hegarty bereits gut vier Jahre auf dem Buckel und war bereits auf Grönemeyers Best-Off „Was muss muss“ zu hören.

Auch für das Duett mit Bono gab es einen Testlauf. Im Rahmen eines Wohltätigkeitskonzerts in Rostock begleitete der U2-Sänger Grönemeyer bei seinem Lied „Mensch“. Allerdings auf Deutsch, womit sich der Ire sicht- und hörbar schwertat. Auf der englischen Albumversion klappt das dann doch bedeutend besser – nicht zuletzt, weil sich Rampensau Bono höflich zurückhält. Auch der Evergreen „Flugzeuge im Bauch“ übersteht die Übersetzung schadlos. Aus dem deutschen Bauch wird zwar – der Einfachheit halber – ein englisches „head“, aber mit einem vagen Bauchgefühl stünde Grönemeyer bei seinem Angriff auf den globalen Pop-Olymp auch auf ziemlich verlorenem Posten. Außerdem ist ein Lied, das Oli P. überlebt hat, sowieso unverwüstbar.

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