04.02.2010
Österreich

Nicht länger im Dreck leben

Der gebürtige Vorarlberger André Pilz legt mit „Man down“ einen heftigen Roman über eine scheiternde Jugend vor. Ein Werk, das nach Dramatisierung oder Verfilmung ruft.
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Zur Person

André Pilz, Jahrgang 1972, aufgewachsen in Vorarlberg, lebt auch in München. Sein Debüt „No llores, mi querida – Weine nicht, mein Schatz“ (2005) wurde am Deutschen Theater in Berlin gezeigt.

Der Roman: André Pilz, Man down. Haymon Verlag. 275 S., 19,90 €.

André Pilz liest am 8. März, 20 Uhr, in der Wagner‘schen Buchhandlung in Innsbruck.

Von Sabine Strobl

Innsbruck – Irgendwann hat man alles verloren und es geht schneller, als man denkt. Der 25-jährige Kai – Autor André Pilz, hat ein Händchen für harmlose Namen, hinter denen sich der Abgrund auftut – ist Dachdecker. Doch nach einem Sturz aus sechs Metern Höhe kommt er gesundheitlich nicht mehr auf den Damm. Der Chef will das ausständige Geld nicht bezahlen. Kai findet keine Arbeit mehr. Seine Unterkunft ist eine verschimmelte Bude im Münchner Stadtteil Giesing. „No Future“ steht auf der Hauswand. Seine Einkünfte kommen von Hartz IV, dem Inbegriff des sozialen Abstiegs. Er kifft, säuft bis zum Exzess, wirft sich Tabletten ein und hat Pornos auf seinem Laptop. Was Kai geblieben ist, ist sein türkischer Freund Shane. Nur, dass Kai bei dessen beiden kriminellen Brüdern Schulden hat. Sie nötigen Kai, Drogen von Zürich nach München zu schmuggeln. Dann taucht Marion auf und mit ihr ein Fünkchen Hoffnung.

André Pilz schlittert mit seinem neuen Roman vorbei an kultigem Kitsch, eingerauchter Seelenschau, multiethnischem Unterschichtenmythos, verziert mit ein paar Zeilen des Rappers Bushido. Er schreibt von Gewalt, Drogen, Sex, Freundschaft, Liebe, Aufstand und Verrat. Das Buch ist harter Tobak, aber es hat ungeheuren Drive und Thrill. Die Protagonisten, aus deren Sicht Pilz diesen tiefschwarzen Roman schreibt, haben sich an den größer werdenden Rändern der Gesellschaft eingerichtet. Pilz lässt sie auf die gegenwärtige wirtschaftliche Lage reagieren, mit Hass auf Krisengewinner. Der Ich-Erzähler Kai spürt das Unbehagen, das die Neonazis im oberen Stockwerk bei ihm auslassen. Er registriert die verloren gehende Solidarität unter den Arbeitern und fürchtet sich, wenn eine Afrikanerin in der U-Bahn angepöbelt wird. Der Misere ist er hilflos ausgeliefert. Doch auch Kai, Shane und Marion haben ihre Leichen im Keller, wer wen als erstes hochgehen lässt, ist nur eine Frage des Zeit.

Innsbruck ist einer der Schauplätze. Der 1972 in Vorarlberg geborene Autor kennt die Stadt aus Studienzeiten und von Jobs am Flughafen. Auch hier inmitten der Bergkulisse kann man genauer ins soziale Grauen schauen. Das furiose Finale findet dann in einer Münchner Anwaltskanzlei statt. Kai als Schrecken des Bürgertums. Zuvor schreibt er in einer Filzstift-Post an den toten Bruder: „Verdammt noch mal, kapiert ihr das nicht da oben?! Das ist nicht nur eure Welt, das ist auch unsere Welt. Und wir wollen nicht länger im Dreck leben.“

Wie Pilz‘ Debütroman „No llores, mi querida. Weine nicht, mein Schatz“ über einen Skinhead hat auch das neue Buch das Zeug zum Theaterstoff. Das Filmdrehbuch haben die Leser im Kopf.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 04.02.2010
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