Schnee und Stempel reichen nicht
Von Ivona Jelcic
Innsbruck – In seiner Jugendzeit, bei einem Kitzbühel-Besuch, hat Bernd Aigner den Tiroler Schnee- und Landschaftsmaler Alfons Walde für sich entdeckt. Und sich gedacht: So ein Bild möchte ich auch einmal kaufen. Aigner hat – Jahrzehnte später – gleich zwei Mal einen Walde erworben. Und ist zwei Mal einer Fälschung aufgesessen. Auch deshalb stellt der Steirer heute seine eigenen Wahrscheinlichkeitsrechnung an: Er wähnt sich in größerer Gesellschaft.
Das ist freilich nichts allzu Neues: Mit Walde-Fälschungen hat man am Kunstmarkt langjährige Erfahrung. Schon zu Lebzeiten wurde der 1958 in Kitzbühel verstorbene Walde gern kopiert, der Handel mit seiner Kunst war bereits in den 1920er Jahren ein gutes Geschäft. Alfons Walde selbst gründete 1923 seinen eigenen Kunstverlag, über den er seine beliebtesten Motive als Postkarten und Plakate vertrieb, zudem hat er unzählige seiner Motive selbst mehrfach gemalt. Und der Hype hält an: Bei Kunstauktionen ist Walde nach wie vor ein Renner, vor allem seine Skifahrer und Winterlandschaften erfreuen sich allergrößter Beliebtheit.
Doch um all das geht es Aigner heute, nach zwei verlorenen Gerichtsverfahren, gar nicht. Sondern um jenen Stempel auf der Rückseite seines zweiten, vermeintlichen Walde-Gemäldes samt Unterschrift von Walde-Tochter Guta E. Berger. Der Nachlassstempel wird, wo vorhanden, auch in den Katalogen der Auktionshäuser stets angeführt, ein zuverlässiges Echtheitszertifikat ist er nicht. Auch Aigner war der Stempel allein zu wenig, als ihm im Jahre 2004 das kleinformatige Gemälde „Begegnung“ (1913) angeboten wurde. Er recherchierte laut eigenen Angaben im Internet, stieß auf die Homepage des Walde-Kunstverlags und die dort angeführten Experten Guta E. Berger, ihren Sohn Michael Berger und Gert Ammann, ehemaliger Direktor des Tiroler Landesmuseums.
„Ich dachte mir, ich gehe zum Schmied und nicht zum Schmiedl“, sagt Aigner. Also fuhr er nach Kitzbühel, um der Walde-Tochter das Gemälde vorzulegen. Sie habe ihm die Echtheit mündlich wie auch schriftlich auf einer Postkarte bestätigt. „Auch ihr Sohn Michael Berger ist zum Gespräch dazugekommen und hat mir eine E-Mail als Bestätigung geschickt“, so Aigner, der das Bild schließlich gekauft hat – und wenig später wieder verkaufen wollte. Im Wiener Auktionshaus „Im Kinsky“ erzielte „Begegnung“ 2005 mit 28.000 Euro jene Summe, die Aigner zuvor dafür bezahlt hatte.
Knapp drei Jahre später kontaktierte das Auktionshaus den Einbringer erneut, um ihm mitzuteilen: „Das Bild ist gefälscht. Wir haben es zurücknehmen müssen.“ Er sollte das Geld zurückzahlen, man landete vor Gericht, Aigner unterlag. Und klagte seinerseits Guta E. Berger auf Schadenersatz, ging durch drei Instanzen und verlor auch hier. Laut OGH-Urteil ist Berger, heute 80, nicht für ihre Auskunft haftbar, da diese „freiwillig und unentgeltlich“, also als Gefälligkeit, erteilt wurde.
All das erzählt Bernd Aigner am Montagabend im Rahmen eines Pressegesprächs, dessen Termin bewusst gewählt ist: Soll doch am Freitag in Kitzbühel die Neupräsentation der Sammlung Walde eröffnet werden, die aus Leihgaben der Familie Walde-Berger besteht.
Im Museum Kitzbühel ist man nicht allzu erfreut über die „Trittbrettfahrer“ (Museums-Leiter Wido Sieberer), die die Aufmerksamkeit auf weniger schöne Walde-Aspekte lenken möchten. Ihnen gehe es um „grundsätzliche Fragen, die für den Kunstmarkt entscheidend sind“, betonen Aigner und sein Anwalt Andreas Cwitkovits. Darunter: „Welche Funktion und Bedeutung hat ein Nachlassstempel?“ „Frau Berger hat vor Gericht angegeben, zirka zehn Nachlasssstempel pro Jahr auf Werke ihre Vaters zu geben“, erinnert sich Aigner. Für Cwitkovits brisant, denn: Damit bestätige sie „laut einhelliger Meinung aller Marktteilnehmer die Echtheit eines Werkes“ und erhöhe direkt den Marktwert des bestätigten Werkes, „indirekt den Marktwert der eigenen Walde-Sammlung“.
Walde-Enkel Michael Berger bestätigt gegenüber der TT: „Es ist richtig, dass meine Mutter Nachlassstempel gesetzt hat, vorwiegend auf Werke, die aus eigenem Besitz kommen. Bei fremden Bildern tat sie das immer in bestem Wissen und Gewissen. Und keinesfalls, um den Kunstmarkt zu manipulieren“. Er selbst arbeite an einem Nachlassverzeichnis und habe ein Gremium ins Leben gerufen, dem neben seiner Person Gert Ammann, Peter Konzert und Carl Kraus angehören, und das auch als Instanz in Echtheitsfragen fungiere. Laut Kraus, gerichtlich beeideter Sachverständiger und Mitverfasser jenes Gutachtens, das „Begegnung“ als Fälschung entlarvt hat, sollten „Bilder, die einen Nachlassstempel tragen, sich zum Zeitpunkt des Todes im Nachlass des Künstlers befunden haben“. Dass Cwitkovits eine Wiederaufnahme des Verfahrens anstrebt, hält wiederum Berger für „sehr fragwürdig“: „Es gibt keine neuen Beweise, Aigner hat seine Klage in drei Instanzen verloren“.



